Urteil im Ehrenmord-Prozess

Lebenslang für kaltblütigen Mord an Tochter

+
Auch die Mutter des ermordeten Mädchens wurde zu lebenslanger haft verurteilt.

Darmstadt - Zu lebenslanger Haft verurteilte das Landgericht Darmstadt am Dienstag strengreligiöse muslimische Eheleute für den Mord an ihrer Tochter. Von Silke Gelhausen-Schüssler

Es ist exakt 12.45 Uhr im Saal 3 des Darmstädter Landgerichts. Alle Kameras richten sich auf jene Saaltür, durch welche Shazia und Asadullah K. von den Wachtmeistern hereingeführt werden sollen. Die Tür öffnet sich, die verschleierte 41-Jährige blickt in ein Meer von Objektiven, bleibt wie angewurzelt stehen, schreckt vor dem zurück, was nun auf sie zu kommt. Erst Verteidiger Axel Kollbach schafft es, die beiden Angeklagten unter den unzähligen neugierigen Augen der Öffentlichkeit zu ihren Plätzen zu führen. Die Schwurgerichtskammer tritt ein, der Vorsitzende Richter Volker Wagner verliest das Urteil. Obwohl es der Forderung der Staatsanwaltschaft entspricht, muss es sich für die nicht vorbestraften Eltern wie ein Schlag mit dem Dampfhammer angefühlt haben: Beide werden zu lebenslanger Haft wegen Mordes an ihrer Tochter schuldig gesprochen.

Lesen Sie dazu auch:

Sex vor Ehe kostet Tochter das Leben

Einzig die besondere Schwere der Schuld, die Staatsanwältin Barbara Sieger feststellte, kann Wagner nicht erkennen, bei dem Angeklagten wegen seines umfassenden Geständnisses, bei seiner Frau wegen ihrer besonderen Lebensumstände und Täterpersönlichkeit. Das streng gläubige, pakistanischstämmige Ehepaar aus Kranichstein hatte am 28. Januar dieses Jahres die 19-jährige Laareb im Schlaf erwürgt, in einem Rollstuhl abtransportiert und an einem Waldparkplatz abgeladen. Schnell waren die Eltern als Täter ausfindig gemacht, sie sitzen seit zehn Monaten in U-Haft. Während der 52-jährige Vater sofort gesteht, die Tochter erwürgt zu haben, bleibt die Funktion der Mutter lange Zeit im Dunkeln - sie flüchtet sich in die Opferrolle der muslimischen Ehefrau, die nichts zu sagen hat und unter dem strengen Regiment des Mannes steht.

Doch nach neun Wochen Verhandlungsdauer, unzähligen Zeugen, Sachverständigen und der Aussage der jüngeren Tochter als Nebenklägerin ist klar: „Die Rolle von Frau K. war problematisch, aber letztendlich gibt es hier keinen Zweifel: Sie hat sich der Mittäterschaft schuldig gemacht“, so der Richter in seiner Urteilsbegründung, „Die Ahmadiyya-Gemeinde war das, was ihr Leben war. Das wollte sie sich nicht durch die Tochter gefährden lassen.“ Diese hatte sich nicht nur in einen Mann verliebt, zu dem sie über alle Verbote hinweg stand, sie hatte mit diesem auch noch vorehelichen Sex, und damit die Familienehre auf das Schlimmste verletzt. Da hätte auch keine eilige Heirat mehr gereicht, um das wieder gut zu machen. Beide Eltern hatten Angst, dass die Schande öffentlich wird - Lareeb musste weg. Und die Mutter war in diesen Plan von Anfang an eingeweiht.

Eigene Tochter erwürgt: Bilder vom Prozess in Darmstadt

„Alles war durchorganisiert. Die Tatzeit in der Nacht, wo man ohne Zeugen die Leiche abtransportieren kann. Der Rollstuhl, der vor der Tür bereit stand. Die vorher abgeklebte Kameralinse und der Test mit dem Regenschirm als Sichtschutz im Fahrstuhl. Dem toten Mädchen wurde der Schlafanzug aus und Tageskleidung angezogen, es sollte wie ein Verbrechen auf dem Schulweg aussehen“, konstatiert der Richter. Sogar die jüngere Tochter habe Shazia am Abend ausquartiert, damit sie nichts von der Tötung mitbekommen würde. „Die Mutter hat den Todeskampf der Tochter tatenlos mit angesehen, den Ehemann nicht daran gehindert. So etwas funktioniert nur bei absolutem Willen zum Töten. Und wenn sich einer auf den anderen verlassen kann!“ Den I-Punkt setzt die Mutter am nächsten Morgen, als sie auf Fragen nach ihrer Tochter lapidar erwähnt, dass diese auf dem Weg zur Schule sei. „So reagier’ ich nicht als Mutter, die keine Tötungsabsicht hatte“, stellt Wagner fest. Beide Verteidiger kündigten Revision an. Sie hatten in ihren Plädoyers von Totschlag gesprochen und eine „zeitlich begrenzte“ Haftdauer gefordert.

Familiendrama in Kassel: Vater und Tochter tot

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion