Philipp Gutbrod will die Mathildenhöhe sichtbarer machen

Voller Einsatz für das Weltkulturerbe

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Direktor Philipp Gutbrod hat sich zum Ziel gesetzt, das Darmstädter Jugendstilensemble bis zum Jahr 2020 zum UNESCO-Weltkulturerbe zu machen.

Darmstadt - Philipp Gutbrod, der neue Direktor des Instituts Mathildenhöhe, hat mit dem Darmstädter Jugendstilzentrum viel vor - nicht nur mit Blick auf die erhoffte Anerkennung als UNESCO-Weltkulturerbe. Von Reinhold Gries

„Wer hat schon solch einen wunderbaren Arbeitsplatz“, sagt Gutbrod, als er durchs „Oberhessische Haus“ führt. 1908 hatte es Josef Maria Olbrich erbaut, der führende Kopf in Großherzog Ernst Ludwigs Jugendstil-Künstlerkolonie. Von hier wird Gutbrod die Geschicke des Ensembles Mathildenhöhe lenken, das er zum Weltkulturerbe machen will. „2020 wird es so weit sein“, ist sich Gutbrod fast sicher, „dafür müssen wir noch viel tun, aber ich kann sehr hart arbeiten“. Der 1971 in Rochester/New York geborene Sohn eines Physikers, der in den USA aufwuchs, dann in Heidelberg Abitur machte und dort auch Kunstgeschichte, Öffentliches Recht und Archäologie studierte, fühlt sich wohl in Darmstadt. „Ich war früh von der Mathildenhöhe angezogen und oft hier, ein einzigartiger Ort“, bekennt der Vielgereiste, „aber als ich mich als Geschäftsführer der Villa Grisebach Auctions New York um die Stelle als Kurator und Sammlungskonservator an der Mathildenhöhe bewarb, war ich nur einer von 140 Bewerbern.“

Nach Gesprächen mit seinem Vorgänger Ralf Beil, der nun in Wolfsburg wirkt, war der Weg geebnet für den Expressionismus- und Jugendstil-Experten. Mit seiner Ehefrau, der deutschen Schauspielerin und Chansonsängerin Micaela Leon, die er in New York kennenlernte, ging es 2011 zurück über den Großen Teich. Schon nach kurzer Zeit, in der sich Gutbrod mit Akribie an die Aufarbeitung wenig bekannter Darmstädter Jugendstilschätze machte, beauftragte ihn Beil mit der Betreuung der UNESCO-Bewerbung. Und machte so viel Eindruck, dass es dem Magistrat der Stadt nicht schwer fiel, Gutbrod aus sechs Bewerbern zu Beils Nachfolger zu bestimmen - einstimmig.

Als Kurator und Interimsdirektor des städtischen Instituts hatte Gutbrod gut zu tun mit der Gesamtsanierung der großen Ausstellungshalle der Mathildenhöhe, die bis Herbst 2016 wieder geöffnet sein soll – „in neuestem internationalen Standard“. Das 25 Jahre alte „Museum Künstlerkolonie“ im wiedererstandenen Ernst-Ludwig-Haus wirkt, auch dank Gutbrod, wie aus dem Ei gepellt. In dessen umgestalteten Innenräumen setzt der neue Leiter auf gezielte Auswahl von Exponaten, die angemessen erklärt werden. Als Betreuer der Städtischen Kunstsammlung Darmstadt mit 15.000 wertvollen Werken hat er noch anderes vor Augen: „Hier am Osthang soll dafür ein Museum entstehen. Wenn das nicht klappt, muss ein Schaulager her.“ Gutbrod hat konkrete Vorstellungen, wie man erhaltenes wie untergegangenes Jugendstil-Ensemble sichtbarer machen kann, bis hin zur Außenbeschilderung und an die Erbacher Straße versetzte Arbeiterhäuser: „Für 4000 Mark Fixkosten machte man solche Modellhäuser möglich, dazu kamen Pionierleistungen und Werkbund-Projekte, die das Bauhaus vorbereiteten.“

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Solche Zusammenhänge und Alleinstellungsmerkmale braucht es, um das Welterbe-Gremium in Paris zu überzeugen - wo Gutbrod 2003/04 deutsche Moderne vorstellte. Im Netzwerk kommt ihm zugute, dass er als deutscher wie amerikanischer Staatsbürger Englisch wie Deutsch spricht und Web-Seiten selbst gestalten kann. Bei seinen Recherchen zur Weimarer Zeit profitiert er auch von seiner Frau, die zur Kultur der 20er Jahre forscht. „Dabei interessieren mich Licht und Schatten“, richtet der 43-Jährige seinen Blick auf die Entwicklung des Produktdesigns wie die Sozialgeschichte.

„Darmstädter Jugendstil“ definiert der promovierte Kunsthistoriker so: „Eigentlich sollten sich in der Künstlerkolonie alle 23 Protagonisten entfalten. Auch Raumgestalter Patriz Huber, der mit 24 Jahren starb - ein großartiger Künstler, den ich bald vorstelle.“ Dazu stellt Gutbrod, der im Jazz-Kammerduo „Perpetuum“ am Schlagzeug sitzt, private Projekte zurück. Mit aller Kraft will er Darmstadts Künstlerkolonie-Erbe in eine neue Ära führen. „Dabei habe ich die volle Rückendeckung der Stadt“, sagt Gutbrod zuversichtlich.

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