Auch ein Stück Stadthistorie in Dieburg

Abiturienten des Jahres 1956 kehren an den „Tatort“ zurück

+
„Das sind meine Schulkameraden von damals“, sagt Horst Allmann (rechts) mit Stolz. Vor 60 Jahren legten er und seine Mitschüler das Abitur an der Goetheschule ab. Am Samstag feierte man das Jubiläum mit einem Treffen in Dieburg.

Dieburg - Die Dieburger Abiturienten von 1956 kannten keine computergesteuerten Tafeln oder machten Selfies mit dem Smartphone in der großen Pause. Von Michael Just 

Im Gegenteil: Als 1949 die Goetheschule für den Unterricht nach dem Krieg wieder freigegeben wurde, gab es dort nicht mal Mobiliar. „Jeder Schüler musste seinen Stuhl von zu Hause mitbringen. Und als Tische dienten zusammenklappbare Biertischgarnituren“, erinnert sich Klaus Schott. Zur Schulspeisung hatte zudem jeder einen Topf am Ranzen, den sogenannten „Quäkerdippen“. Besser wurde die Situation in den 1950er Jahren: „Das Wirtschaftswunder kam ins Laufen. Das spürte man auch an den Schulen“, ergänzt der 80-Jährige. Am Samstag hatten die Abiturienten, die ihre Reifeprüfung vor sechs Jahrzehnten ablegten, reichlich Zeit, sich über alte und neue Zeiten auszutauschen. Zum Jubiläumstreffen gehörte eine Führung in der Goetheschule, ein Gang über den Friedhof, ein Besuch im Museum Schloss Fechenbach sowie ein Abendessen in der Römerhalle.

Die Klassen nach dem Zweiten Weltkrieg waren groß und heterogen: Zum Nachwuchs aus Dieburg, Groß-Zimmern und dem Rodgau gesellten sich auch Ausgebombte und Heimatvertriebene aus anderen Städten, dazu Internatsschüler aus dem Konvikt. Nach dem Abitur erfüllten sich viele ihre Berufswünsche und wurden Architekt, Mediziner, Jurist oder Professor. Der Kontakt blieb in der Folge stets eng: „In den letzten 20 Jahren sieht sich ein Teil der Gruppe fast jährlich. Die Rente erlaubt Treffen mit mehrtägigen Übernachtungen und Besichtigungen“, berichtet Schott und erinnert an ein dreitägiges Wiedersehen in Breisach am Rhein. Der Studiendirektor im Ruhestand, der in Darmstadt geboren wurde und nach dem Studium und den ersten Berufsjahren nach Dieburg zurückkehrte, organisierte die jüngste Zusammenkunft federführend mit.

Er und seine einstigen Schulkollegen können viel über die damalige Zeit erzählen, die auch ein Stück Dieburger Stadtgeschichte darstellt. Denn 1946 begann die neue Schulära für sie nicht am Realgymasium und damit der späteren Goetheschule, sondern „ausgelagert“ in der Marienschule. „Unser eigentliches Schulgebäude war von der amerikanischen Militärregierung für Flüchtlinge und Displaced Persons beschlagnahmt worden“, weiß die betagte Runde. Erst 1949 wurde die Goetheschule für ihre eigentliche Bestimmung wieder freigegeben. Von den 35 Abiturienten von damals sind 16 bereits verstorben, sieben davon in Dieburg beerdigt. 18 der 19 noch lebenden kamen am Wochenende zum Jubiläum in die Gersprenzstadt. Bei einem vorangegangenen Klassentreffen prägte Klaus Schott einen besonderen Satz: „Ab jetzt beginnt die zweite Halbzeit“, hatte der sportbegeisterte Lehrer im Alter von 40 Jahren gesagt. Am Samstag beim jüngsten Treffen griff er diesen Gedanken wieder auf: „Mit 80 Jahren ist nun die Nachspielzeit angebrochen.“

Kommentare