Neuanfang mit Schrecken

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Lothar Lammer mit einer Patronenhülse und Maria Porzenheim mit einer Kanne aus Ton. Was diese Gegenstände mit dem Kriegsende und der Zeit danach zu tun haben, zeigt eine Ausstellung im Schloss Fechenbach.

Dieburg - Ein letztes Vater Unser. Zum letzten Mal Hände falten, knien, sich bekreuzigen. Ein letztes Mal beten, dass dieser zehrende Krieg bald vorbei ist. Für ihren Sohn und das Ungeborene. Von Sarah Neder

Das letzte Mal, denn als die Hochschwangere zusammen mit der gläubigen Schar an diesem Palmsonntag die Wallfahrtskirche verlässt, fliegen Bomben – treffen, töten. Das war am 22. März 1945. 70 Jahre später schaut das Museum Schloss Fechenbach mit der Ausstellung „Befreiung am Palmsonntag“ zurück: Mit Texttafeln, historischen Beweisstücken und Zeitzeugen. Ein Film zeigt Interviews mit denen, die damals nach der Kirche von den Amerikanern attackiert wurden. Sie waren noch Kinder, sahen ihre Eltern sterben oder wurden selbst verwundet. Ein letztes Mal Blutvergießen vor dem Kriegsende. Noch vor der Kapitulation Berlins waren in Dieburg die Fronten geklärt.

Die Alliierten diktierten von nun an die Bedingungen und legten den Grundstein für eine funktionierende Demokratie. Lothar Lammer vom Museum Schloss Fechenbach schildert: „Die Amerikaner sägten die lokalen, nationalsozialistischen Politiker ab, und setzten neue Funktionäre ein, die Vertreter des Militärs kontrollierten.“ Um seine Soldaten über die hiesigen Machtverhältnisse zu informieren, ließ das amerikanische Militär Plakate drucken. Dort standen etwa Details über lokale Persönlichkeiten. Sätze wie „He liked things better under the late Mr. Hitler“, sollten die Soldaten darüber informieren, dass der damalige Leiter der Tonwarenfabrik ein Anhänger des NS-Regimes war. Ein Exemplar des Aufklärungsplakats habe es über große Umwege wieder an die Gersprenz geschafft, erzählt Lammer. „Das Original kam von einem Dachboden in Kalifornien.“ Stolz ist der Museumsmitarbeiter auch auf eine dichte Broschüre, die ein Hergershäuser dem Archiv spendete. „Er hatte das Exemplar auf einem Flohmarkt in Maine (USA - Red.) erstanden und es an uns weitergegeben.“

Viele der Informationen über die Nachkriegszeit in Dieburg hat das Team um Lammer und Museumschefin Maria Porzenheim diesem Heft entnommen. „Das Material ist weitgehend objektiv“, erklärt Lammer den Wert der amerikanischen Quelle. Weitere Exponate sind Krüge, Schüsseln und Geschirr aus der ehemaligen Tonwarenfabrik. Gegenstände, die nach 1945 eine wichtige Rolle spielten: „Geld hatte in der Nachkriegszeit seinen Wert verloren“, sagt Lammer, „Tongefäße waren da ein beliebtes Tauschmittel gegen Obst, Gemüse oder Getreide.“ Die Ausstellung zum 70-jährigen Jubiläum des Kriegsendes widmet sich nicht nur der Befreiung 1945. Sie zeichnet auch ein Bild der Entnazifizierung, des Wiederaufbaus, der Rehabilitation einer Stadt. Sie greift aber auch zurück, etwa in den Herbst 1944. Denn auch die Geschehnisse vom 2. Oktober schnitzen eine tiefe Kerbe in die Balken der Stadtgeschichte. Damals zerstörten Bomben Häuser an Römer- und Ritterstraße sowie die Stadtkirche, deren bunte Glasfenster zerschellten.

Wie eine Scherbe, herausgebrochen aus dem großen Ganzen erzählt der Rückblick einen Teil deutscher Geschichte. Selbst gestaltete Tafeln erklären kritisch, schildern ehrlich, warnen vor dem Vergessen. Am Sonntag, 22. März, taggenau 70 Jahre nach der Befreiung Dieburgs, wird Maria Porzenheim die Ausstellung eröffnen. Bürgermeister Dr. Werner Thomas, Landrat Klaus-Peter Schellhaas und ein Vertreter der Sparkasse Dieburg schließen sich an. Die Retrospektive bleibt bis zum 26. Juli im Museum Schloss Fechenbach.

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