Im St. Rochus

Belegarzt Dr. Gerald Grohe hat zum letzten Mal operiert

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Dr. Gerald Grohe nach seiner letzten OP gestern Mittag im St. Rochus Krankenhaus. Er bedauert es zutiefst, dass das St. Rochus Krankenhaus schließt. Es war von klein auf sein Wunschtraum, einmal hier zu arbeiten. Die Stationen (kleines Foto) sind leer. Ob es Licht am Ende des schweren Ganges gibt, den die Traditionsklinik und ihre Mitarbeiter ab heute gehen müssen?

Dieburg - Es war Zufall, passt aber zum ehemaligen Fastnachtsprinz Dr. Gerald Grohe: Seine letzte OP im St. Rochus Krankenhaus begann gestern um 11. 11 Uhr – und ist gut gelaufen. Von Lisa Hager

Hinterher ist ihm im Gespräch mit dem Dieburger Anzeiger die Melancholie und auch ein bisschen Wut wegen der Schließung des Traditionshauses anzumerken. „So hätte es nicht kommen müssen“, ist er überzeugt. „Es lief alles wie gewohnt professionell ab im OP-Team“, wundert sich Grohe ein bisschen über die Gelassenheit, mit denen die Mitarbeiter weiterhin ihre Arbeit tun. Aber es geht ihnen anscheinend nicht anders wie ihm selbst, versucht er sich die eigenartige Atmosphäre in den immer leerer werdenden Krankenhausstationen zu erklären. „Ich habe das noch nicht wirklich realisiert, dass hier Schluss sein soll“, sagt er. Schließlich war es der Traum des heute 50-Jährigen, hier einmal zu arbeiten – und das von Kindheit an. Schon vor der Einschulung sei ihm klar gewesen, was er einmal werden wollte: So ein Arzt wie beispielsweise Dr. Gottlieb, Dr. Walter oder Dr. Hieber, die sich schon um seine Großeltern im Krankenhaus kümmerten. Muss man erwähnen, dass Grohe selbst, wie viele seiner Vorfahren im St. Rochus geboren ist? Das erübrigt sich, wenn man hört, wie leidenschaftlich er von seinem damaligen Traum spricht, Ärzten des Rochus nachzueifern, die damals noch „Halbgötter in Weiß“ waren.

Und heute? Aus der Traum. Der Facharzt für Orthopädie, der zusammen mit seinem Praxispartner Dr. Michael Hartmann seit 2001 rund 400 bis 500 Operationen pro Jahr im Rochus gemacht hat, räumt sein Büro auf der Station D 2 und den Spint im OP.

Im Gegensatz zu vielen anderen Beobachtern, die das von der katholischen Kirche eingesetzte Management und/oder die lokale Politik für die Misere verantwortlich machen, sieht er einen anderen Hauptschuldigen. „Es ist unser Gesundheitssystem, das planwirtschaftlich geführt wird und dadurch nicht individuell und nicht flexibel genug auf den Patienten reagieren kann“, sagt er. „Die Medizin ist industrialisiert, der Arzt zum Dienstleister degradiert worden.“

Er hält das Belegarztsystem, wie es im St. Rochus praktiziert wurde, für das beste der Systeme und für das zukunftsträchtigste. „Sie haben, wenn Sie so wollen, immer einen Chefarzt am Bett stehen“, sagt er. Einer der Vorteile seien kurze Wege und räumliche Nähe, was angesichts einer immer älter werdenden Bevölkerung entsprechend wichtiger würde. Der größte Pluspunkt sei, dass der untersuchende, operierende und nachbehandelnde Arzt der selbe sei. „Der Patient bleibt immer in meiner Obhut, das hat für alle Seiten nur Vorteile.“ Und zur täglichen Visite kommt wieder der bekannte Arzt – „übrigens auch am Samstag“, fügt er noch an. Das System sei aber politisch nicht gewollt, werde daher nicht gefördert, sondern eher kaputt gemacht. Auch an ambulanten OPs verdiene ein Belegarzt, ein Krankenhaus oder ein rein ambulanter Operateur kaum etwas. Das sei eher eine Serviceleistung für den Patienten. Deshalb sei es so schwierig einen ambulantes OP Zentrum wirtschaftlich zu betreiben.

Medizin kurios: Bei diesen Patienten staunt sogar der Arzt

Grohe und Hartmann operieren inzwischen auch in Groß-Umstadt, aber für ihren kompletten Bedarf reicht die Kapazität nicht aus. Sie werden ab Juli Ausweichmöglichkeiten in Aschaffenburg in Anspruch nehmen müssen. Die Pläne, in Dieburg ein ambulantes OP-Zentrum als Ersatz für das Rochus zu etablieren (wir berichteten), sieht er skeptisch. Bislang gebe es keine Ergebnisse. Trotzdem hofft er, dass er auch nach dem 1. Juli in seiner Heimatstadt irgendwann wieder in den OP-Kittel schlüpfen kann.

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