Betreuung der 153 Flüchtlinge in Dieburg

Kein Platz für Schwarz-Weiß-Malerei

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Auch einige der 60 Zuhörer meldeten sich bei der Diskussion in der Römerhalle mit Fragen und Anmerkungen zu Wort.

Dieburg - 153 Flüchtlinge sind derzeit in Dieburg untergebracht, überwiegend im Nordring, im Falle von unbegleiteten Minderjährigen aber auch im Kloster und im Konvikt. Bei einer Podiumsdiskussion wurde die aktuelle Situation näher beleuchtet. Von Jens Dörr 

„Für das erste Halbjahr 2016 hatten wir mal mit 500 gerechnet“, sagte Bürgermeister Dr. Werner Thomas am Donnerstagabend bei einer Podiumsdiskussion in der Römerhalle. Durch die Schließung der Balkanroute und die intensivere Zusammenarbeit der EU mit der Türkei hat sich die Zahl der ankommenden Asylsuchenden jedoch bekanntlich deutlich reduziert, weshalb Dieburg derlei viele Menschen auf absehbare Zeit nicht wird aufnehmen müssen. Wie man jene bestmöglich integriert, die zumindest für einige Monate oder wenige Jahre (oder dauerhaft) eine neue Heimat an der Gersprenz finden sollen, diskutierte eine Runde, zu der die Stadtbücherei und der Asylkreis eingeladen hatten. Neben Brigitte Bauß, Heinz Albers (beide Asylkreis), Bernhard Knitsch (Bücherei) und Rathaus-Chef Thomas saßen auch Martin Ackermann (Diakonisches Werk), Susanne Stockhardt (Fachleitung Integration und Migration beim Landkreis), Miro Kozul (Leiter der Intensivklassen an der Goetheschule) sowie St. Josephshaus-Leiter Markus Pelz auf dem Podium.

Ihnen lauschten etwa 60 Zuhörer, von denen sich einige auch mit eigenen Fragen und Anmerkungen einbrachten. Dabei blieb der Abend wohltuend frei von Ressentiments und platter Schwarz-Weiß-Malerei. Jene auf dem Podium im unterteilten „Röha“-Saal schilderten unter dem Veranstaltungstitel „Menschen nach der Flucht - angekommen, und nun?“ ihren Beitrag zur Bewältigung der großen Aufgabe.

Bürgermeister Thomas stellte insbesondere heraus, dass die Stadt Dieburg in erster Linie genügend angemessene Unterkünfte bereitstellen müsse. „Auch in Dieburg hatten wir zunächst Diskussionen, ob das die Wohnqualität mindert. Dass das überwunden ist, liegt am Asylkreis und den ehrenamtlichen Helfern“, lobte er das Klima.

Für den Landkreis schilderte derweil Stockhardt, dass neben der Weiterverteilung der meist aus dem Erstaufnahmelager in Gießen in den Landkreis gekommenen Menschen auch deren Versorgung mit Geld und einer „minimalen Gesundheitsversorgung“ die Hauptaufgaben seien. In finanzieller Hinsicht belaufe sich der „Zuschuss für den Lebensunterhalt“ pro Flüchtling und Monat auf 345 Euro. Bei jenen, die in einer Gemeinschaftsunterkunft lebten, würden 320 Euro ausgezahlt, diese müssten jedoch ihre Stromkosten nicht selbst übernehmen. Weitere Staffelungen gibt es wie bei den Deutschen, die staatliche Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch beziehen. So erhält eine Flüchtlingsfamilie beispielsweise für ein Kind bis fünf Jahre pro Monat 214 Euro.

Sozialarbeiter Ackermann skizzierte unterdessen, woher die in Dieburg untergebrachten Menschen kämen: neben Syrien sind das auch Pakistan, Afghanistan, Serbien, der Kosovo, der Irak, der Iran, Eritreas, Somalia und Äthiopien. Ackermann, für die Diakonie bislang hauptamtlich allein für die mehr als 150 Menschen zuständig, kündigte an, in Kürze eine weitere Mitarbeiterin an die Seite gestellt zu bekommen.

Sozialverband: So viel Arme in Deutschland wie noch nie

Im Landkreis liegt der vorgegebene Schlüssel bei einem Sozialarbeiter für 120 Flüchtlinge. Von den seit Herbst 2015 Angekommenen habe Stockhardt zufolge landkreisweit mehr als die Hälfte noch keinen Asylantrag stellen können.

Für das St. Josephshaus, das die unbegleiteten Minderjährigen etwa im Konvikt betreut (wo es auch eine Internatsschule für hiesige Schüler, die nicht für den Regelbetrieb infrage kommen, betreibt), schilderte Pelz die Hauptaufgabe: „Mit unseren Mitarbeitern im Schichtdienst ersetzen wir für sie die Familie.“

Goetheschullehrer Kozul skizzierte, dass die Flüchtlingskinder hinsichtlich des Bildungsstands in einer „sehr großen Spanne“ vertreten seien: „Wir haben Kinder aus sehr gut gebildeten Elternhäusern, die so viel wissen, dass wir sie aus bestimmten Fächern sogar rauslassen und ihnen in dieser Zeit Deutschunterricht geben können. Und wir haben 15-, 16-Jährige, die die Bildung der vierten Klasse haben.“ Ähnliches beschrieb Ackermann, als er nach den Berufsbildungen der Flüchtlinge gefragt wurde: Auch hier ergebe sich ein sehr heterogenes Bild - vom Kioskbetreiber und Verkäufer bis hin zum Informatiker oder Juristen.

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