Regionale Slow Food-Gruppe

Bewusst essen im Zeichen der Schnecke

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Bei den Genusswochen der Bücherinsel mit einem Stand dabei: Der Vorsitzende des Conviviums Odenwald, Ferdinand Böhm und Slowfood-Mitglied Luise Drabke.

Dieburg - Gut, fair und sauber essen – wer möchte das nicht? Die weltweite Slow Food- Bewegung will keine Ideologien mit dem Kochlöffel verbreiten, sondern das Bewusstsein für gesunde regionale Nahrungsmittel stärken, die möglichst umweltschonend erzeugt werden. Von Lisa Hager 

Auch im Dieburger Raum gibt es seit einiger Zeit eine regionale Gruppe, das Convivium Odenwald. „Wir sind keine Sekte“, stellt der Vorsitzende der hiesigen Slow Food-Gruppe, der Dieburger Ferdinand Böhm, gleich zu Beginn des Gesprächs klar. „Bei uns kann jeder nach seiner Facon essen, wie er möchte – ob er Allesesser ist, Vegetarier oder Veganer, das spielt keine Rolle.“ Der Slow Food-Bewegung gehe es vor allem darum, das Bewusstsein für gesundes Essen und die Entstehung der Lebensmittel zu stärken. „Wir sind für sauber erzeugte, qualitativ wertvolle Nahrungsmittel möglichst aus der Region“, so der passionierte Hobbykoch. „Wer Utopie sät, wird Realität ernten.“ Diesem Motto des internationalen Slowfood-Gründers Carlo Petrini aus dem Piemont könnte man noch hinzufügen: Ja, am besten eine Realität, die aus einer alten traditionellen nicht genmanipulierten Samensorte auf möglichst pestizidfreien Böden wächst.

Slow Food ist ein weltweit agierender Verein mit 100.000 Mitgliedern in über 170 Ländern. In Deutschland – bundesweit gibt es inzwischen 14.000 Mitglieder – ist der Hauptsitz in Berlin. Einer der Slow Food-Berater ist Felix Prinz zu Löwenstein (Habitzheim), als Sprecher der Biobewegung einer der Hauptkritiker der industriellen Landwirtschaft in Deutschland. Regional ist die Bundesrepublik in Convivien unterteilt (siehe dazu auch Kasten unten). Das Convivium Odenwald mit derzeit 112 Mitgliedern, wozu der Raum Dieburg gehört, ist eines von 70 in Deutschland. Seit Ende vergangenen Jahres ist Ferdinand Böhm der Vorsitzende. Gründervater der Regionalgruppe ist Armin Treusch, der in Reichelsheim mit seinem „Schwanen“ einen Gasthof betreibt, der allen Slow Food-Anforderungen standhält.

Mit rund zehn Veranstaltungen pro Jahr geht das Convivium Odenwald an die Öffentlichkeit. Eine Kinoveranstaltung im Münsterer Kaisersaal mit entsprechendem Slow Food-Menü zum Film „Die Köchin und der Präsident“ war beispielsweise ein großer Erfolg. Das soll wiederholt werden. Im Februar folgte eine Genuss-Veranstaltung zum Thema Wintergemüse und im Mai hatte das Convivium einen Bio-Imker zu Gast. Kulinarische Stadtrundgänge, bei denen beispielsweise Metzger besucht werden, die als Landwirte ihre Tiere artgerecht aufziehen, stehen ebenso auf dem Programm. Dazu kam kürzlich eine Präsentation bei den Genusswochen der Bücherinsel auf dem Marktplatz, die heute zu Ende gehen.

„Weniger, aber besseres Fleisch“

„Wir möchten den Menschen zeigen, dass es nicht darum geht, immer ein XXL-Schnitzel auf dem Teller zu haben, sondern weniger, aber besseres Fleisch zu essen“, sagt Böhm. Artgerechte Tierhaltung sei auch Tierschutz und wenn weniger Fleisch produziert würde, könnten weltweit gesehen auch wesentlich mehr Menschen mit Soja und anderen Pflanzenerzeugnissen satt werden. „Das ist ein großes Thema bei uns“, so Böhm. Er hat beobachtet, dass das öffentliche Interesse für diese globalen Zusammenhänge steige.

„Genuss steht gleichwertig neben dem Bewusstsein dafür, wo die Lebensmittel herkommen, wie sie erzeugt wurden“, sagt Böhm. „Aber es muss auch immer Spaß machen.“ Und Carlo Petrini hat es so formuliert: „Ich möchte die Geschichte einer Speise kennen. Ich möchte wissen, woher die Nahrung kommt. Ich stelle mir gerne die Hände derer vor, die das, was ich esse, angebaut, verarbeitet und gekocht haben.“ Gut, fair und sauber sollen die Lebensmittel sein. Mit „gut“ ist die regionale und traditionelle Herstellung eines Lebensmittels gemeint und richtet sich gegen den globalen Einheitsbrei, ohne den Gebrauch von künstlichen Stoffen wie Geschmacksverstärkern oder Aromen. „Die frische Wurst vom Metzger im Odenwald schmeckt eben besser als die weitgereiste und abgepackte Ware im Supermarkt“, so Böhm.

Und das Merkmal „sauber“ bezieht sich auf die Herstellung eines Lebensmittels, frisch und saisonal ganz im Einklang mit den natürlichen Kreisläufen. Bei der Herstellung dürfe die Umwelt nicht leiden. „Sauber“ richtet sich auch gegen die industrielle Landwirtschaft oder genetisch veränderte Arten. Dazu kommt der soziale Aspekt, den Slow Food mit „fair“ beschreibt: Da wird nachgefragt, wie die Stimmung in einem Betriebs ist, ob die Beschäftigten einen gerechten Lohn für ihre Arbeit erhalten und die Preise für das Produkt angemessen sind. Folgerichtig wendet sich Slow Food natürlich auch mit Aktionen gegen die Verschwendung von Lebensmitteln, tritt für die Vermarktung von Rohmilch ein, kämpft gegen die Überfischung der Weltmeere.

„Die Erhaltung der biologischen Vielfalt ist uns auch sehr wichtig“, fügt Böhm noch hinzu, der seit 13 Jahren Mitglied ist. Weltweit seien viele Nutztierarten und Pflanzensorten vom Aussterben bedroht oder sogar schon verschwunden. „Dass beispielsweise die alte Rasse des schwäbisch-hallischen Landschweins wieder gezüchtet wird, ist einer der Verdienste von Slow Food“, nennt er ein Beispiel. „Die Biodiversität ist die Arche Noah des Geschmacks“, greift er zu einem biblischen Vergleich. „Die muss erhalten werden.“

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