Aufarbeitung von Traumata der Bootsflüchtlinge

Wenn Wasser Tod bedeutet

+
Vom Gruppenbild mit den Flüchtlingen aus Afghanistan, Syrien, Somalia und Eritrea blieb noch Trainerin Hanne Pantke übrig. Das Zeigen der teils Minderjährigen lehnten die gesetzlichen Vormünder aus Angst um die Sicherheit der Jugendlichen ab.

Dieburg - Sie haben in ihrer Heimat oft Schreckliches erlebt – und auf Odyssee nach Europa ebenso: Menschen, die neben dem Balkan vor allem aus dem Nahen Osten oder Afrika nach Europa flüchten und auch in Deutschland Schutz und Zukunft suchen. Von Jens Dörr 

Mehrere hundert sind auch im Raum Dieburg untergebracht. Bis zu elf Flüchtlinge – sofern sie minderjährig sind und alleine den Weg in die Bundesrepublik geschafft haben – wohnen im Haus Lebrecht in Groß-Zimmern. Einige von ihnen sowie weitere, vereinzelt auch volljährige Flüchtlinge aus Dieburg und Spachbrücken lernen seit Längerem etwas, was viele trotz der teilweisen Mittelmeer-Flucht auf überladenen Booten bisher nicht konnten: Der Wassersportverein (WSV) Dieburg bringt ihnen das Schwimmen bei. Für den WSV betreut in Hanne Pantke eine erfahrene Schwimmtrainerin die meist unter 18-Jährigen, die überwiegend aus Afghanistan, Syrien, Somalia und Eritrea stammen.

„Sie alle sind ohne Eltern ganz allein nach Deutschland geflohen“, sagt Pantke, die inzwischen ein Vertrauensverhältnis zu den jungen Leuten aufgebaut hat. Über ihre Flucht und Vergangenheit wollten die meisten trotzdem nicht viel erzählen, sagt sie. Erst nach und nach offenbare sich ihr, was manche durchgemacht haben müssen.

So sei der Sprung ins Nass für viele von ihnen ein völlig neues Erlebnis gewesen: „Einige sind noch nie geschwommen, hatten überhaupt kein Wassergefühl“, hat die Dieburgerin festgestellt. Teils sei ihr Verhältnis zum Wasser ein traumatisches: „Es sind manche dabei, die Menschen auf ihrer Flucht im Meer haben ertrinken sehen.“

Einige der Kursteilnehmer sind erst 13 Jahre alt. „Ich hatte zum Beispiel ein Mädchen in der Gruppe, das das Wasser mit dem Sterben in Verbindung brachte.“ Das merkte Pantke, als es im Becken des Trainingsbads völlig panisch wurde.

Zu Beginn des Schwimmkurses hätten einige noch Probleme damit gehabt, überhaupt im Nichtschwimmerbereich des Beckens stehen zu bleiben. Inzwischen können sich alle, die das wöchentliche Angebot regelmäßig besuchen, gut über Wasser halten. „Ich gucke, dass sie halbwegs geradeaus schwimmen können“, sagt Pantke. „Manche haben ganz neu das Seepferdchen gemacht, einer hat jetzt sogar das Schwimmabzeichen in Bronze.“ Mittlerweile macht der ein oder andere gar Salti vom Drei-Meter-Turm. Den Anspruch, Spitzenschwimmer auszubilden und sie an die Wettkampfteams des WSV heranzuführen, gebe es hingegen nicht.

Studie: Deutschland heißt Zuwanderer freundlicher willkommen

Wichtiger sei dem Dieburger Verein das soziale Engagement und der Beitrag zur Willkommenskultur, so Pantke. Das geschieht insbesondere durch die kostenlose Bereitstellung des Bads, das der WSV selbst betreibt. „Sie sind alle sehr lernwillig und können das Erfahrene gemeinsam in der Gruppe verarbeiten“, stellt die Trainerin, deren Tätigkeit vom Jugendamt bezahlt wird, heraus.

In welcher Extremsituation sich die jungen Menschen teils auch nach ihrer Flucht noch befinden, wurde auch im Rahmen der Berichterstattung unserer Zeitung über das Thema deutlich: Beim Vor-Ort-Interview im Trainingsbad entstanden auch Gruppen- und Actionfotos mit Hanne Pantke und den Flüchtlingen. Deren gesetzliche Vormünder untersagten hernach aus Sicherheitsgründen aber den Abdruck.

Sogar eine Veröffentlichung der Bilder beim Schwimmen und Turmspringen mit unkenntlich gemachten Gesichtern erschien den Vertretern der Minderjährigen schließlich als zu gewagt.

Kommentare