Bischof-Kettelerhaus eingeweiht

Zusammen leben lernen

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Der Haupteingang mit Freiterrasse wurde auf die andere Seite des Gebäudes, nach Süden, verlegt. Durch den Einbau bodentiefer Fenster kommt zusätzlich viel Licht in das historische Backsteingebäude, das Bischof Ketteler 1869 als Konvikt einweihte.

Dieburg - „Es ist eine gute Woche für Dieburg“, sagte Generalvikar Dietmar Giebelmann gestern bei der Einweihung und Segnung der Schul- und Jugendhilfeeinrichtung im ehemaligen Dieburger Konvikt. Von Lisa Hager

„Zum einen ist der Erhalt des St. Rochus Krankenhauses gesichert, zum anderen sitzen wir heute in einem Haus, das schon dem Verfall preisgegeben war und jetzt wieder ganz im Sinne von Bischof Ketteler genutzt wird.“ Giebelmann, der die Grüße von Kardinal Lehmann aus Mainz überbrachte, freute sich über die jungen Leute, die das ehemalige Knabenstift beleben. „Wir wollen ihnen hier helfen, leben zu lernen“, sagte er. Die Jugendlichen seien durch die Lage und die Bedeutung des Bischof-Kettelerhauses mitten hineingenommen nach Dieburg und in die Pfarrei – „sie gehören dazu“.

Nach zehn Jahren Dornröschenschlaf, in denen sich um das verfallende düstere Backsteingebäude und den verwilderten Park viele Gerüchte rankten, ist mit einer Investitionssumme von sieben Millionen Euro eine hochmoderne Jugendhilfeeinrichtung entstanden. Sie läuft unter der Trägerschaft des St. Josephshauses in Klein-Zimmern (Geschäftsführer und Heimleiter ist Markus Pelz), das wiederum ans Theresien Kinder- und Jugendhilfezentrum in Offenbach angeschlossen ist. Erste Kreisbeigeordnete Rosemarie Lück räumte ein, dass sie die Pläne zuerst mit leichter Skepsis betrachtet habe. „Es war ein eher einschüchterndes Gebäude, aber jetzt ist es ein gastlicher Ort“, sagte sie.

Viele Ideen und Pläne für das ehemalige Konvikt – von Luxushotel über Gesundheitszentrum bis Seniorenwohnheim – wurden über die Jahre gemacht und verworfen, wie bei der Feierstunde mit vielen Gästen aus Kirche und Kommunalpolitik noch einmal deutlich wurde. Erfüllt hat sich hingegen der Traum von Bürgermeister Dr. Werner Thomas: In seiner früheren Eigenschaft als Leiter der ebenfalls katholischen Edith-Stein-Schule in Darmstadt hatte er schon einmal bei einem Besuch in Mainz moniert, dass ein Internat im Bistum fehle.

Internat im Konvikt

Und eine Art Internat gibt es jetzt im Konvikt: Drei Wohngruppen mit je elf Plätzen und eine Tagesgruppe mit zwölf Plätzen beherbergt das in einer Bauzeit von 18 Monaten komplett entkernte und mit viel Licht und Luft versehene Gebäude, das auch einen modernen Anbau bekam. 60 Schulplätze der Jahrgänge fünf bis zehn als Außenstelle der Bischof-Ketteler-Schule bietet das Haus, zudem ist es Förderschule mit dem Schwerpunkt emotional-soziale Entwicklung (was früher Erziehungshilfe hieß). „40 Pädagogen versorgen derzeit bei voller Belegung 33 Jugendliche in den Wohngruppen, zwölf in der Tagesgruppe – diese wohnen extern – und rund 40 Schüler“, erläuterte Schulleiterin Susanne Scheuch-Ahrens.

Aus aktuellem Anlass besteht eine der Wohngruppen derzeit aus elf unbegleiteten Flüchtlingskindern. Diese besuchen die nahe gelegene Goetheschule. Diese Schützlinge hätten im Gegensatz zu den anderen Schülern keinerlei soziale Probleme untereinander, dafür aber Kriegs- und Gewalterlebnisse zu verarbeiten und kämpften natürlich mit Sprachproblemen, hieß es.

Belegt werden die Wohn- und Tagesplätze ausschließlich über die Jugendämter, die Einrichtung ist also kein klassisches Internat, in dem man seinen Sprössling einfach anmelden kann. Die Kinder und Jugendlichen, die teils hochbegabt sind, aber im normalen Schulsystem nicht Fuß fassen können und wegen auffälligen Verhaltens rausgeflogen sind, kommen aus dem ganzen Bundesgebiet. Besonders gefördert werden Schüler mit hohen Inselbegabungen – also individuellen Talenten, die oft übersehen werden.

Der vierzehnjährige Yannick, der zusammen mit anderen Schülern beeindruckende musikalische Kostproben gab, sprach ohne Scheu zu den Gästen per Mikro: „Meine Hausaufgaben habe ich früher nie gemacht. Hier wird mir geholfen, das ist viel besser. In Sozialverhalten hatte ich eine Vier, jetzt bin auf einer Zwei. Die Lehrer haben viel Zeit für uns. Ich will in dem Jahr den Hauptschulabschluss machen, mein Ziel ist das Abitur.“ Und Johannes erzählte von seiner Wohngruppe: „Wir streiten uns öfter, klar, wir haben alle Probleme. Aber wir müssen versuchen, uns gegenseitig zu akzeptieren. Die Gruppe ist wie eine zweite Familie für mich.“ Daniel (15) gefällt es besonders, dass in seiner Gruppe am Wochenende zusammen gekocht wird. Auch er hat den Hauptschulabschluss inzwischen fest im Blick. Die stellvertretende Vorsitzende des Elternbeirats, Angelika Bonifer, beschrieb die Atmosphäre des Hauses in einem einfachen Satz: „Seit mein Sohn hier ist, geht es ihm gut.“

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