Flüchtling bekommt mit Prothese Freiheit zurück

Integration durch Carbon

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Dieburg - Für Omar Al-Hariri bedeutet Freiheit Sport. Doch nachdem er im syrischen Bürgerkrieg sein rechtes Bein verlor, war daran nicht mehr zu denken. Von Konstanze Löw 

Dank der Hilfe vom Dieburger Sanitätshaus Klein und dem Sozialkritischen Arbeitskreis Darmstadt steht der Kriegsflüchtling wieder mit beiden Beinen fest im Leben. Mit gekonnten, schnellen Griffen tauscht Omar Al-Hariri seine Gehprothese gegen seine neue Sportprothese aus. Der passgenaue Silikonschaft mit stabiler, federleichter Carbon-Halterung ermöglicht ihm, endlich wieder zu joggen und Sport zu treiben. „Natürlich ist noch etwas Training erforderlich, um sich an das neue rechte Bein zu gewöhnen. Jeder Schritt geht auf die Leiste“, erklärt Orthopädietechnikmeister Martin Brehm vom Dieburger Sanitätshaus Klein.

Doch an einen solchen Fortschritt hätte Omar vor einiger Zeit nicht denken können. Ein Rückblick: 2011 im syrischen Daraa. Omar schließt sich, nachdem er acht Jahre in der Armee des Diktators Assad gedient hat, der Freien Syrischen Armee an. Bei einem Beschuss im syrischen Bürgerkrieg wird er getroffen, sein Bruder stirbt. Seitdem endet Omars Bein aus Fleisch und Blut eine Hand breit über dem Knie in einem runden Stumpf.

Trotzdem schafft es der Einbeinige mit den strahlend blauen Augen nach Deutschland und schließlich nach Darmstadt, hier lebt er mit seiner Familie. Im vergangenen Jahr kommt er mit Brehm in Kontakt. „Er war in einer so guten körperlichen Verfassung als er zu uns kam, eine Sportprothese war genau das richtige. Denn er kann eh mit allem laufen“, lobt Brehm auch heute noch in vollen Zügen. Trainiert hat der talentierte Läufer schon damals in Syrien in der Armee, bis zum 10.000 Meter-Lauf war jede Distanz vertreten.

Herstellen der Prothese Gemeinschaftsarbeit

Das Herstellen der Prothese war Gemeinschaftsarbeit: Maße wurden genommen, der Schaft in akribischer Feinarbeit gefertigt und mit dem Rest vereint. Knie- und Fußteil wurden von den Herstellern gespendet, ansonsten kostet ein Teil jeweils zwei- bis dreitausend Euro. Sportprothesen werden für Erwachsene nicht von den Krankenkassen übernommen. „Unsere Auszubildenen haben den Schaft gefertigt und den Einbau vorgenommen. Vieles passierte in Pausen und nach der Arbeit“, berichtet Brehm über das Engagement aller Beteiligten.

Im Sommer konnte Omar sein neues rechtes Bein das erste Mal überziehen. Bei einem Übungstag im Sanitätshaus gab es unter den Augen der Experten eine erste und zugleich letzte Schulung. Seitdem trainiert Omar eigenständig. Wenn er heute wieder einmal in die Zentrale des Sanitätshauses in der Zuckerstraße kommt, können die Mitarbeiter die Fortschritte hautnah miterleben. Stolz zieht der 29-Jährige die etwa 15.000 Euro teure Sportprothese an und gibt sein Können bei einem Lauf in der Fußgängerzone zum Besten. Mit seinen neu gelernten Vokabeln „Auf die Plätze, fertig, los!“ macht sich Omar auf die Socken – beim Einlaufen erst langsam und vorsichtig, später ist kein Unterschied mehr zu einem zweibeinigen Jogger erkennbar. Dass einige Passaten anhalten, um ihn zu beobachten, scheint ihn eher stolz zu machen als unangenehm zu berühren.

Bilder: Sportpresseball in Frankfurt

Neben dem selbstständigen Training ist Omar auch im Teamsport aktiv, um neue Kontakte zu knüpfen und den Alltag für ein paar Stunden auszublenden. In Hausen spielt der Vater zweier Kinder Sitzball. „Langfristig planen wir, dass er im Hochschulsport in Darmstadt unterkommt. Integration klappt am allerbesten durch Sport“, blickt Brehm positiv in die Zukunft.

Spenden, die es Omar und anderen Betroffenen ermöglichen, Sport zu treiben, werden dankbar unter folgendem Konto des Sozialkritischen Arbeitskreises Darmstadt angenommen. Bank: Sparkasse Darmstadt, Kontonummer: 591378, BLZ: 50850150, Verwendungszweck „Sportprothese“.

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