Neue Erfahrungen mit Mystik und  Meditation

Zur Fastenzeit – ein Gespräch mit Bruder Joachim Wrede

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In diesem alten Pfarrhaus hinter der Kirche von Schliprüthen im Sauerland lebt Bruder Joachim Wrede. Seinen meditativen Alltag teilen auch manchmal Gäste.

Dieburg - Nicht nur jetzt in der Fastenzeit haben Meditationsseminare Hochkonjunktur. Je schnelllebiger die modernen Zeiten werden, dominiert von Karrieredenken und Konsumstress, umso mehr Menschen sehnen sich nach innerer Harmonie und Spiritualität. Von Lisa Hager 

Einer der letzten vier Kapuzinermönche des Klosters im Minnefeld kommt immer noch regelmäßig nach Dieburg, um den Meditationskreis zu leiten. Bei einem seiner Besuche hat sich Lisa Hager von DA mit ihm über sein Leben unterhalten. Bruder Joachim Wrede lebt heute in einer Art „Einsiedelei“ – allein in dem leerstehenden Pfarrhaus von Schliprüthen, einem 160-Einwohner-Dorf im Sauerland im Landkreis Olpe. Es ist die Lebensform, nach der er lange gesucht hat. Achim Wrede wurde 1954 in Warstein geboren. „Als Sohn eines Metzgers“, sagt er lächelnd, „der älteste von uns drei Brüdern hat das Geschäft später übernommen.“ Wrede selbst lebt nahezu vegetarisch. Die Produktion von Fleisch, so seine Überzeugung, nehme den Armen wichtige Eiweißlieferanten wie Soja weg. „Und das Tier hat eine eigene Geschöpflichkeit, die man nicht zerstören darf.“ Außerdem zweifelt er an der Qualität der Massenproduktion. „Wir machen uns doch selbst zur Müllkippe, weil wir alles essen. Die heutige Qualität ist doch unter aller Sau“, spricht’s und muss selbst über sein unbewusstes Wortspiel lachen.

Dass ihm eine Zukunft außerhalb der Fleischerbranche beschieden war, wurde schon früh deutlich. „Ich war schon als Kind immer ein Stückchen religiöser als die anderen“, erinnert er sich. Franziskus von Assisi habe ihn von klein auf begeistert. „Seine tiefe Mystik und die lebendige Beziehung, die er zur Schöpfung hatte, diese Naturreligiösität haben mich angezogen.“ Nach der Bundeswehrzeit lernte Wrede im Theologiestudium in Münster die Kapuziner kennen und trat ihnen mit 21 Jahren bei. Nach der Priesterweihe und einer Kaplanstätigkeit im Pfarrkloster St. Bonifaz in Mainz wurde er als Missionar ins Hochland von Südmexiko entsandt. „Dort hatte ich 44 Indio-Dörfer zu betreuen“, erzählt der heute 61-Jährige. In den 14 Jahren seiner Arbeit dort, hat er viel gelernt, wie er sagt. „Die Menschen dort leben sehr kontemplativ, Natur und Religion sind für sie lebendige Realitiäten“, versucht er die Mentalität zu beschreiben. Ein Huhn in einem Käfig beispielsweise würden sie als ganz schlimm empfinden. Gefühl und Bewusstsein seien viel mehr verbunden als in unserer Zivilisation. Er lernte die Sprache der Ureinwohner und predigte am Ende seiner Dienstzeit sogar darin.

Bruder Joachim Wrede: Er hat zehn Jahre im Dieburger Kapuzinerkloster gelebt und gewirkt. Den Zen-Meditationskreis betreut er immer noch.

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland war Bruder Joachim inverschiedenen Kapuzinerklöstern tätig – zuletzt in Dieburg, wo er zehn Jahre bis zur Schließung Ende 2012 lebte. Schon damals hatte er wohl die ungewöhnlichste Zukunft der sich mit Guardian Berthold Oehler verabschiedenden Mönche vor sich. „Eine Einsiedelei, das war ein Herzenswunsch von mir“, sagt er. Er hat die eigentliche Bezeichnung der Kapuziner, die ein franziskanischer Bettelorden sind, nie vergessen. Sie gründeten sich als „Minderbrüder vom eremitischen Leben“. Und genau das schwebte Bruder Joachim auch vor. So nahm er das Angebot, nach Schliprüthen – nicht weit von seiner Heimat entfernt – in das Pfarrhaus hinter der Kirche aus dem 12. Jahrhundert einzuziehen. „Das kontemplative Beten hat bei den Kapuzinern eine alte Tradition“, sagt er. Zusätzlich befasste sich Bruder Joachim viel mit asiatischen Methoden der Meditation – und fand seinen ganz eigenen Weg. „Man muss vom Denken weg und ins Spüren hineinkommen. Dazu muss man loslassen und sich innerlich öffnen können“, versucht er diese schwer zu beschreibenden Vorgänge in Worten auszudrücken. Es gehe darum, tiefere Schichten in sich selbst zu erreichen, als das mit dem Verstand normalerweise möglich ist. „Wir sind ja alle Kopfmenschen geworden, werden von dort hypergesteuert. Das macht blind“, sagt er. „Der Rationalismus hat uns vieles verbaut“, ist sich der oft leise verschmitzt lächelnde Priester sicher.

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Mit dem Alltag des Ordenslebens versucht er, eine kontemplative Grundhaltung zu erreichen. Das zeigt sich an seinem streng strukturierten Tagesplan, zu dem er auch ab und zu Gäste einlädt. Ab fünf Uhr morgens wird bis gegen 8 Uhr meditiert. Dann gibt es Frühstück. Danach helfen alle bei der Garten- oder Hausarbeit. Von 17 bis 19 Uhr stehen wieder meditative Sitzeinheiten an. Auch gekocht wird gemeinsam. Im Dorf gibt es kein Geschäft, die nächste größere Siedlung ist zehn Kilometer entfernt. Das Leben in seiner „Einsiedelei“ sei keine einfache Erfahrung, weiß Bruder Joachim. Wer sich darauf einlassen möchte, sollte schon etwas Meditationserfahrung haben. Und hat er selbst den Lebensstil gefunden, den er sich gewünscht hat? „Ich denke schon, dass ich glücklich bin“, sagt er nach kurzem Nachdenken. Er versuche, sein Sensorium für die großen Zusammenhänge zu schulen. „In guten Momenten spüre ich das“, sagt er. „Das ist dann ein Geschenk, mit Zwang geht es nicht. Wenn man alles erreichen will, bekommt man nichts.“

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