Kundgebung verfolgter Christen

Es kommt auf jedes einzelne Schicksal an

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Rund 350 Menschen hatten sich auf dem Marktplatz versammelt, um ein Zeichen für verfolgte Christen zu setzen. 

Dieburg - „Pray for Iraq and Syria“ (Bete für Irak und Syrien) war auf den großen Aufklebern zu lesen, die sich viele der Menschen, die sich am Donnerstagabend auf dem Dieburger Marktplatz versammelt hatten, auf ihre Jacken geklebt hatten. Von Laura Hombach 

Das Evangelische Dekanat Vorderer Odenwald, das Katholische Dekanat Dieburg und die Menschenrechtsorganisation Open Doors hatten zu einer Kundgebung eingeladen. Die Jugendband St. Wolfgang begleitete die Veranstaltung musikalisch. Rund 350 Menschen waren gekommen, um ein gemeinsames Zeichen für verfolgte Christen zu setzten. Um ihnen zu zeigen: „Ihr seid nicht alleine“. Der Menschenrechtsorganisation Open Doors zufolge leiden derzeit etwa 100 Millionen Christen in rund 50 Ländern unter Verfolgung. Stellvertretend für diese Menschen schilderte am Donnerstagabend Schwester Mariana aus dem indischen Odisha ihr Schicksal. Schwester Mariana, die zurzeit mit zwei anderen indischen Ordensschwestern in Groß-Zimmern lebt und in der katholischen Kirchengemeinde St. Bartholomäus wirkt, berichtete von ermordeten Menschen, verbrannten Kindern, zerstörten Klöstern, Kirchen und Häusern. Sie selbst musste sich 2008 mit drei Schwestern und den 90 Mädchen ihrer Klosterschule in einem Maisfeld verstecken, als im Zuge eines antichristlichen Pogroms 500 Christen getötet, Tausende Häuser und das Kloster, in dem Schwester Mariana lebte, zerstört wurden.

Der katholische Dekan Christian Rauch und die stellvertretende Dekanin des Evangelischen Dekanats, Evelyn Bachler, schilderten, wie wichtig ihnen persönlich das Engagement für verfolgte Christen ist. „Es ist mir eine Herzensangelegenheit“, sagte Bachler. „Wir sollten uns mit denen solidarisieren, die ganz unten angekommen sind“, so Rauch. Bei der Diskussion ginge es oft um Zahlen, erklärte Bachler. Dabei komme es auf jedes einzelne Schicksal an, jeder verfolgte Mensch sei einer zu viel. Sabri Alkan, selbst ein syrisch-orthodoxer Christ aus dem Südosten der Türkei, schilderte für die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) die Situation verfolgter Christen in Syrien und im Nordirak. Am dramatischsten sei die Lage in Nordsyrien im Februar gewesen, als die Extremisten des „Islamischen Staats“ in der Provinz Hassaka elf Dörfer unter ihre Kontrolle gebracht, die Bewohner vertrieben und über 200 Menschen mitgeschleppt hätten. „Wir wissen nicht, wo sich die entführten Menschen befinden“, beklagte Alkan. Er zitierte ein kleines Flüchtlingsmädchen, das mit seiner Familie vor den Verfolgern fliehen konnte und in einem Flüchtlingslager untergekommen ist. „Ich möchte Gott danken, dass er uns zu Hilfe gekommen ist, dass er mich und meine Familie gerettet hat. Gott soll den Menschen verzeihen, die uns vertrieben haben“, gab Alkan die anrührenden Worte des kleinen Mädchens wieder.

Verfolgten sind nicht vergessen

Eindringlich schilderte Schwester Mariana (l.) auf Nachfragen von Moderatorin Andrea Seeger ihre Erlebnisse. Foto: Hombach

„Was erwarten die Bedrängten von uns?“, wollte Andrea Seeger, bei der Evangelischen Sonntagszeitung tätige Journalistin und Moderatorin der Veranstaltung, von ihm wissen. Es sei gut, bei Veranstaltungen wie dieser in Dieburg zu erfahren, dass die Brüder und Schwestern im Westen die Verfolgten nicht vergessen hätten, sagte Alkan. Sein besonderer Dank ging an Open Doors, die als erste Organisation zur Hilfe gekommen sei. Heinz Ernst, ebenfalls von der IGFM, erklärte, mittlerweile sei der fünfte Hilfstransport auf dem Weg in den Nordirak.

Markus Rode, Leiter von Open Doors, schilderte die Lage verfolgter Christen anhand einiger Länderbeispiele. Die Organisation, die ihre Arbeit in den Dienst der verfolgten Christen weltweit gestellt hat, erstellt jedes Jahr einen Weltverfolgungsindex. Angeführt wird die Negativrangliste für das Jahr 2015 von Nordkorea, das schon seit vielen Jahren auf diesem Index zu finden ist. Zehntausende Christen befänden sich hier in Arbeitslagern und würden zu Tode gefoltert, schilderte Rode. Auf Platz elf des Indexes finden sich die Malediven. Auch in Katar, Austragungsland der WM 2022, gäbe es keine Religionsfreiheit, so der Experte von Open Doors. Und so findet sich das Land auch auf Platz 18 des Verfolgungsindexes wieder. „Viele Muslime zieht es zum christlichen Glauben, das macht Hoffnung“, sagte Rode abschließend.

Wer weitergehende Informationen wollte, für den hatten Open Doors und IGFM Infopavillons auf dem Marktplatz aufgeschlagen. Diese gerieten im Laufe der Veranstaltung allerdings in Gefahr: Regen und heftige Windböen kamen auf und wehten Informationsmaterial und schließlich auch beinahe die Pavillons, die im letzten Moment noch von helfenden Händen gehalten wurden, weg. Die Teilnehmer der Kundgebung hielten dennoch stand. Gemeinsam mit Bachler und Rauch beteten sie für die verfolgten Christen in aller Welt und setzten so, dem Sturm trotzend, ein Zeichen für ihre Glaubensbrüder und -schwestern.

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