Deutsch-tschechische Jugendbegegnung in München

Gemeinsam Historie nachgespürt

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Jugendliche aus Dieburg und dem tschechischen Mladá Boleslav vor dem ehemaligen „Führerbau“ in München. Hier wurde 1938 das Münchner Abkommen unterzeichnet.

Dieburg/München - Wie hat das Münchner Abkommen von 1938 die deutsch-tschechischen Beziehungen beeinflusst? Dieser Frage gingen Jugendliche aus Dieburg und dem tschechischen Mladá Boleslav in der Bayernmetropole nach.

In Begleitung von Helena Mrákotová von der tschechischen staatlichen Jugendeinrichtung DDM sowie Vanessa Jansen und Paul Huttarsch von der Jugendförderung Dieburg begab sich die 24 Personen starke Projektgruppe auf Spurensuche in der ehemaligen „Hauptstadt der Bewegung“, die als Keimzelle des Nationalsozialismus gilt. So war die erste Anlaufstelle das neu eröffnete NS-Dokumentationszentrum, mit dem die Stadt München die Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit offensiv angeht. An der Stelle, wo sich früher die als das „Braune Haus“ bekannte Parteizentrale der NSDAP befand, kann in einer umfangreichen Ausstellung der Ursprung und Aufstieg der NS-Bewegung nachvollzogen werden.

Direkt nebenan im Führerbau (heute Hochschule für Musik und Theater) wurde das Münchner Abkommen unterzeichnet, mit dem Hitler die Zerschlagung der Tschechoslowakei eingeleitet hatte. Auf ihrem weiteren Erkundungsweg fanden sich die jungen Deutschen und Tschechen ausgerechnet an der Feldherrnhalle - einem besonderen Ort der NS-Propaganda - inmitten von Zigtausend Menschen, die gegen die Politik der G7-Staaten demonstrierten. So erfuhren sie eindrucksvoll ein Beispiel gelebter Demokratie.

Viele bekannte Sehenswürdigkeiten

Dass Widerstand im Dritten Reich wesentlich gefährlicher, aber dennoch möglich war, wurde in der „DenkStätte Weiße Rose“ am Lichthof der Ludwig-Maximilians-Universität verdeutlicht. Die studentische Widerstandsbewegung um die Geschwister Scholl hatte mit Flugblättern gegen das Hitlerregime gekämpft. Die Spurensuche führte die Projetteilnehmer auch in die Touristenattraktion „Münchner Hofbräuhaus“, den Gründungsort der NSDAP.

Aber auch andere Sehenswürdigkeiten, wie der Viktualienmarkt, das Olympiastadion oder der Marienplatz standen auf dem Programm der Jugendbegegnung. Bei brütender Hitze war eine ausgiebige Rast im Englischen Garten mit einem Bad im Eisbach für die jungen Leute genau das Richtige. Für den 17-jährigen Marius aus Dieburg war der Besuch im Englischen Garten „das schönste Erlebnis in München“. Die 14-jährige Paulina hingegen fand die Besichtigung der Bavaria- Filmstudios sehr beeindruckend. Der Besuch der Filmstadt war einer der vielen Höhepunkte, an denen die jungen Leute teilhaben durften. Hier hatten sie Gelegenheit, hinter die Kulissen berühmter Filme, wie „Das Boot“, „Die unendliche Geschichte“ oder des brandneuen Actionfilms „Big Game“, der gerade in die Kinos kommt, zu schauen. Bei der Führung über das BAVARIA-Gelände wurden die Teilnehmer auch in die vielfältigen Tricks der Filmgestaltung eingeweiht und wirkten sogar aktiv mit – wie etwa Albeta (21) aus Mladá Boleslav, die eine Szene der Telenovela „Sturm der Liebe“ live schneiden durfte, während die Dieburger Caroline (19) in ihrer Sprechrolle als Empfangsdame an der berühmten Rezeption des Hotels Fürstenhof brillierte.

Die beliebtesten deutschen Sehenswürdigkeiten

Weniger spektakulär aber nicht minder interessant war der Besuch im Deutschen Museum auf der Isarinsel. „Mit dieser Mischung aus Bildung, Abenteuer und Freizeitgestaltung wollten wir den jungen Leuten die historischen Zusammenhänge der deutsch-tschechischen Beziehungen näher bringen“, erläutert Stadtjugendpfleger Paul Huttarsch das Projekt, das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wird. Auf die Völkerverständigung unter jungen Leuten scheint das geschichtlich vorbelastete deutsch-tschechische Verhältnis keinen großen Einfluss mehr zu haben. „Das Münchner Abkommen hat viel Hass unter Deutschen und Tschechen gesät, aber für unsere Generation hat das keine große Bedeutung mehr“ sagt die 16-jährige Julie aus Mladá Boleslav und auch der 14-jährige Noah aus Dieburg ist der festen Überzeugung, dass freundschaftliche Beziehungen zwischen jungen Leuten der beiden Nationen problemlos möglich sind.

„Ich habe sogar ein paar Worte Tschechisch gelernt“, sagt er stolz. Am letzten Abend der Jugendbegegnung verabschiedeten sich Deutsche und Tschechen aus luftiger Höhe von München. Hoch oben vom Olympiaturm aus schauten sie hinunter auf die hell erleuchtete bayrische Hauptstadt, über der wilde Blitze eines sich nahenden Gewitters zuckten.

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