Musikliebhaber in vier Kirchen unterwegs

Dieburg - Vier Konzerte in vier Kirche – und das alles an einem Abend: Die Dieburger Orgelmeile brachte am Samstag wieder Hunderte von Musikfans auf die Beine. Viele von ihnen waren nicht das erste Mal dabei. Von Michael Just

Wie ein laufender Farbpunkt erscheint Irith Gabriely in St. Wolfgang. Sowohl Hut als auch Anzug hat sie für ihren Auftritt in einem knalligen Orange gewählt. Die Farbe passt zu ihrem aufgeschlossenen Charakter, den freudigen Tönen ihrer Klarinette und dem Spagat, den sie sich zusammen mit Hans-Joachim Dumeier und Abuseyf Kinik ausgedacht hat: Das Trio kombiniert in ungewöhnlicher Form die Instrumente Klarinette, Saxophon, Percussion, Orgel und Sass, eine Langhalslaute, die vom Balkan bis Afghanistan gespielt wird.

Dass dies im Rahmen eines vierteiligen Konzerts passiert, das lediglich mit „Orgelmeile“ überschrieben ist, verwundert erstmal. Doch Kenner der Veranstaltung wissen: Die Dieburger Orgelmeile hat in ihrer Form etwas Einmaliges. Zum einen kommt die Orgel nicht als schwertönendes Kircheninstrument daher, für die sie oft gehalten wird. Hier darf sie ihre ganze Bandbreite zeigen. Zum anderen ist es das ungewohnte Zusammenspiel von Pfeifen und Registern mit anderen Instrumenten, das einem modernen Kammerspiel gleichkommt.

Am Samstag war es wieder soweit, als Konzertveranstalter Richard Berg, die Stadt Dieburg sowie die katholische und die evangelische Kirchengemeinde zur 7. Dieburger Orgelmeile aufriefen. In den vier Gotteshäusern warteten nacheinander vier außergewöhnliche Konzerte von je einer dreiviertel Stunde, die einzeln oder auch alle zusammen genossen werden konnten. Der Wechsel zu den einzelnen Stätten samt Pause in Form eines kurzen Fußmarsches hat maßgeblich zum Event-Charakter und dem bisherigen Erfolg beigetragen. So war Richard Berg auch diesmal gefordert, dem Ruf der Meile – und seinem eigenen guten Leumund – gerecht zu werden. Dem kam der Dieburger mit Verpflichtungen der Extraklasse nach, wofür nicht nur der Mannheimer Motettenchor oder Markus Privat, erster Solo-Trompeter des Polizeiorchester Rheinland-Pfalz, standen. Die anderen Akteure, darunter die vier Organisten Thomas Gabriel (Seligenstadt), Hans-Joachim Dumeier (Michelstadt) Joachim Enders und Jorin Sandau (beide Darmstadt), verfügen ebenfalls alle über eine beeindruckende, musikalische Vita.

Die begann bei Joachim Enders in Dieburg, wo er geboren wurde und bereits im Alter von zehn Jahren die Orgel bei den Kapuzinermönchen spielte. Seit Beendigung seines Musik- beziehungsweise Klavierstudiums ist er am Staatstheater in Darmstadt. Dort bringt er Opern auf die Bühne und arbeitet als Kapellmeister. „Das Orgelspiel hat etwas Majestätisches“, führt Enders an. Je nach Menge der Register lasse sich ein wahrer Rausch an Klangfarben erzeugen. „Im Vergleich dazu kommt das Klavier eher einfarbig daher“, konstatiert der 53-Jährige. Dass ein Organist meist fernab seiner Zuhörer agiert und sein Antlitz in der Regel im Verborgenen bleibt, stört ihn nicht: „Das fördert die Konzentration und die Bescheidenheit.“

Fulminanter Schlusspunkt für Völkerverständigung

Zusammen mit Ingo de Haas (Violine) gestaltete Joachim Enders die Eröffnung in der evangelischen Kirche. Nach den weiteren Stationen der Meile in der Wallfahrts- und der Stadtkirche setzten Irith Gabriely, Hans Joachim Dumeier und und Abuseyf Kinik in St. Wolfgang den fulminanten Schlusspunkt. Sie übertrugen den Geist orientalischer Klänge und die Fröhlichkeit der Klezmer-Musik aufs Publikum. Dazu setzten sie mit ihrer Herkunft aus verschiedenen Kulturen und Religionen – Judentum, Islam und Christentum – ein Ausrufezeichen für die Völkerverständigung. Hier gab es, wie in den anderen Kirchen auch, stehende Ovationen.

Egal, wen man zum Schluss fragte, stets wurde die Orgelmeile mit Superlativen belegt. Kathrin Aldinger-Stein (43), die zum ersten Mal dabei war, lobt die Vielfältigkeit des Abends. Dazu zählte für sie der Orgel-Ausflug von Thomas Gabriel in den Jazz, die musikalische Darstellung verschiedener Tiere an der Violine von Ingo de Haas oder der Programmpunkt in der Stadtkirche, wo es vier Musiker an zwei Trompeten, einer Pauke und der Orgel schafften, den akustischen Eindruck eines kompletten Orchesters zu vermitteln. Die zurückliegenden fünfeinhalb Stunden vergingen laut Aldinger-Stein „wie im Flug“.

So wirkt Musik auf unseren Körper

Ursel Gladbach (65) und Susanne Frieß (65), beide seit Anbeginn der Orgelmeile Stammgäste, bestätigen das: „Und wieder waren wir über die tolle Auswahl überrascht“, sagen sie mit Blick auf die Akteure und die Kombination der Instrumente. „Normalerweise ist es nur schwer vorstellbar, dass ein solcher Mix funktioniert“, ergänzen die Freundinnen. Dass so etwas wider Erwarten klappen kann, machen sie an einem anderen Beispiel deutlich: „Es ist wie beim Kochen. Auch hier führen Experimente immer wieder zu außerordentlichen Ergebnissen.“

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