„1. Dieburger Nachtgericht“

Erbschein um 22 Uhr beantragt

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Nachtgericht: Amtsgerichtsdirektor Frank Richter (vorn links) leitete vor großem Publikum zwei Verhandlungen selbst.

Dieburg - Zwischen Mieträumungsklage, Erbscheinantrag und Kirchenaustritt: Das Angebot des Amtsgerichts, einmal abends Behördengänge abzuwickeln und sogar bei echten Strafprozessen dabei zu sein, hat alle Erwartungen übertroffen: Die Interessierten kamen in Strömen zum „1. Dieburger Nachtgericht“ Von Jens Dörr

Die Premiere hat alle Erwartungen des Veranstalters übertroffen: Allein 300 Gäste zählte das Amtsgericht Dieburg am Donnerstag gegen 18 Uhr, als sie die Premiere ihrer öffentlichen Leistungsschau am Standort vis-à-vis des historischen Mühlturms eröffnete. Bei - regulären, nicht geschauspielerten - öffentlichen Prozessen und Vorträgen bekam das Publikum einen Eindruck von der thematischen Vielfalt, die in die Aufgabe „ihres“ Amtsgerichts fällt. Alle tagsüber angebotenen Serviceleistungen standen den Bürgern bis spät in den Abend hinein zur Verfügung. Zudem stellte Dieburgs Schafsmaler Hans Peter Murmann aus.

Hessische Scharfrichter-Fachtagung: Hans Peter Murmann eröffnete zum Nachtgericht seine Ausstellung „Schafe im Recht“.

„Es war deutlich mehr als erwartet“, war Amtsgerichts-Direktor Frank Richter am Vormittag darauf noch immer beeindruckt vom großen Interesse der Bevölkerung. Die große Schar der Besucher führte er insbesondere auf eine intensive Öffentlichkeitsarbeit vorab über die Presse und Plakate zurück. „Wir hatten offen gestanden keine Ahnung, wer kommt, haben vielleicht mit 150 Leuten gerechnet.“ Diese Zahl erwies sich auf den Gesamtzuspruch des Abends erst recht als deutlich zu klein. Ausdruck des Andrangs war nicht nur, dass es Maler Murmann auf der Vernissage zu „Schafe im Recht“ ob der vielen Gesprächspartner und Signierwünsche kaum zum Griff nach dem Rotweinglas schaffte. Vielmehr mussten die Dieburger Notare Lieb und Große dem Direktor zufolge ihre Vorträge – unter anderem zu Patientenverfügung und Testament – statt einmal gleich zweimal halten.

Die kuriosesten Gesetze aus aller Welt

Volles Haus herrschte auch bei den Verhandlungen, die unter anderem Amtsgerichtsleiter Richter selbst führte. In seinen Sitzungen ging es einmal um eine Mieträumungsklage, ein zweites Mal um eine Schadensersatz-Klage nach Beschädigung eines Autos. Da derlei Sitzungen am Amtsgericht zwar grundsätzlich öffentlich sind, sich die Menschen bei Streitigkeiten wie genannten normalerweise aber nicht im Publikumsareal ballen, hatte Richter den ungewöhnlichen Prozessrahmen vorab mit den beteiligten Anwälten abgestimmt. Rechtlich sei etwa der ungewöhnliche Zeitpunkt der Verhandlung am Abend jedoch gedeckt.

Feier zu 111. Geburtstag

Bis in den späten Abend hinein – „Die letzten Besucher mussten wir nach 23 Uhr hinauskomplimentieren“, sagte Richter – machten die Gäste des „1. Dieburger Nachtgerichts“ zudem Gebrauch von den regulären Dienstleistungen des Hauses. „Wir hatten zum Beispiel einen Kirchenaustritt - und einen Erbscheinsantrag um 22 Uhr“, so der Direktor. Grund genug, die Veranstaltung zu wiederholen? Sein Statement: „2016 wird das Amtsgericht Dieburg 111 Jahre alt – dazu könnte es eventuell eine Feier mit einem Teil für die Öffentlichkeit geben.“

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