Galaktisches Vergnügen

50 Passagiere steigen in die Fechenbach-Kapsel

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Weltraumpilot Hans-Josef Rautenberg bei seiner multimedialen Eventlesung im Schloss Fechenbach.

Dieburg - Schloss Fechenbach, das gestalterisch die römische Frühzeit der Stadt Dieburg zitiert, wurde am Samstagabend zum Fenster in unendliche Weiten. Dort wurden nämlich Science-Fiction-Kurzgeschichten von und mit Hans-Josef Rautenberg - nicht gelesen, sondern zelebriert. Rund 50 Besucher hatten daran ihre Freude. Von Klaus Holdefehr 

Kurzgeschichten. Rautenberg nennt sie „Shorts“, und das ist inzwischen zu einer Art Markenzeichen geworden. Viele seiner „Short Stories“ funktionieren nach einem ähnlichen Prinzip: Er entwickelt ein Geschehen, lockt seine Zuhörer in den Spannungsaufbau und gibt dem Ganzen so etwa fünf vor Zwölf eine unvermutete Wendung, die manchmal eine heitere sein kann, wie in der Videospiel-Persiflage „Druck“, oft aber aus einem möglichen „happy“ ein „bitter End“.

Unendliche Weiten. Die gibt es vor allem zu Beginn, unterwegs mit dem Astronauten auf einer besonderen Mission. Nur ist diesem bei einer Kontrolle des Antriebssystems jeglicher Treibstoff abhanden gekommen, und nun treibt er antriebslos durchs All ins Gravitationsfeld einer fernen Sonne, in deren Oberfläche das Raumschiff in 110 Jahren eintauchen und verglühen wird. Das macht aber nichts, weil die Vorräte an Lebensmitteln sowieso schon in drei Jahren aufgebraucht sein werden.

Major Tom. David Bowie lässt grüßen, und das tut Sabrina Faber mit einer beeindruckenden Interpretation der „Space Oddity“. Galaktische Bilder rauschen dazu über eine große Leinwand.

Multimedial. Das ist das ästhetische Prinzip des einschließlich zwanzigminütiger Pause mehr als zwei Stunden währenden Ausflugs in die Zukunft. Rautenberg, gebürtiger Dieburger mit Wahlheimat in Klein-Zimmern ist nämlich im Geldberuf EDV-Berater beim Diakonischen Werk, versteht also was von digitaler Technik, und auch das trägt zum Vergnügen bei. Den Akteuren – neben Rautenberg und Faber auch noch Sandra Walter, am Technikpult Rautenbergs Tochter und im Publikum zwei Security-Leute für die Präsidentin der Vereinigten Staaten – verlangt das Einiges ab, denn sie müssen ein ziemlich striktes Zeitschema einhalte. Ein Blick aufs Lesepult zeigt, wie die Zeit rast, denn: Das ist kein Pult, das ist ein Monitor, über den auch die Texte gescrollt werden, automatisch, und wenn einer zu langsam wäre, verlöre er den Faden.

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Zeitrahmen. Der ist strikt, aber manches wird auch ein wenig lang, etwa wenn in der Geschichte „Schlimmer“ die amerikanische Nationalhymne gefühlte 20 Mal angespielt wird. Ansonsten funktioniert diese Geschichte nach dem schon bekannten Prinzip: Außerirdische kommen auf die Erde und fordern davon die Hälfte, um die Menschheit gegen noch schlimmere Außerirdische verteidigen zu können. Die Menschheit kämpft lieber gegen die Neuankömmlinge, bis diese abziehen. Die Freude über einen teuer erkauften Sieg endet mit dem Auftauchen der noch schlimmeren Außerirdischen.

Serienmörder erscheinen ganz sympathisch, elternmordende Humanroboter bekommen einen Verständnisbonus, und der Gipfel der Erotik erweist sich als halsbrecherisch.

Fazit. Das Multimediale ist in diesem Fall nicht nur Beiwerk, sondern illustriert die Stories und trägt sie mit zu ihrem meist bestürzenden Ende. Rautenbergs multimediale Eventlesung ist eine Weiterentwicklung kulinarisch unterfütterten Mördersuchens, das in inzwischen vielfältiger Weise Verbreitung gefunden hat. Es ist auch die Reduktion lustvollen Schmausens auf Donuts nach Alien-Rezept. Guten Appetit.

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