Mal wieder Baustopp

Sanierungschaos an Heinemann-Schule

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In der Eingangs- und Pausenhalle fehlt die Decke.  

Dieburg - Seit 2007 wird an dem Gebäude gearbeitet. Derweil müssen Schüler und Lehrer ohne Küche, Sporthalle und Musikraum auskommen. Von Jens Dörr 

2014 feierte die Dieburger Gustav-Heinemann-Schule (GHS) ihr 40-jähriges Bestehen. Dass die Schule für praktisch Bildbare, die ihren Förderschwerpunkt auf die geistige, körperliche und motorische Entwicklung ihrer 100 Schüler im Alter von sechs bis 18 Jahren legt, dieses Jubiläum auf einer Großbaustelle begehen würde, dachten vor acht Jahren niemand. Schon seit 2007 dauert die Sanierung der GHS, gesteuert durch das Da-Di-Werk, den Eigenbetrieb für Gebäude- und Umweltmanagement des Landkreises Darmstadt-Dieburg, inzwischen an. Nun, nach dem zweiten Unfall binnen eines Jahres, wurde der erneute Baustopp angeordnet. Schulleitung und Eltern prangern ein wahres Sanierungschaos an und fürchten einen Schrecken ohne Ende.

Als 2007 und 2008 die Sanierung der in die Jahre gekommenen GHS mit dem Austausch von Fenstern und Türen startete, folgte das der Entscheidung des Kreises, dies anstelle eines Neubaus der Schule zu tun. „Diese Vorgehensweise war auch mit der damaligen Schulleitung abgestimmt“, sagt Kreis-Pressesprecher Frank Horneff. Was auch Helma Hirth, damals schon Mitglied der GHS-Spitze und seit zwei Jahren Schulleiterin, bestätigt. Das große Aber: „Wir sind damals von einer Bauzeit von anderthalb bis zwei Jahren ausgegangen.“ Auch während der Arbeiten sollte der Unterricht weiter in dem Gebäude stattfinden. Einen zeitweiligen Umzug hätte man von seiten der Schule zwar in Kauf genommen, der Landkreis habe damals aber erklärt, dass es kein Ausweichgebäude gibt, das die speziellen Anforderungen der Schüler erfülle, erklärt Hirth.

Erster Ärger unter Kollegium und Eltern

2009, als die ehemaligen Räume der „Lebenshilfe“ in Klassenräume und ein WC umgebaut wurden, machte sich im Kollegium und unter den Eltern erstmals Ärger breit. Eine Klasse musste damals in die benachbarte, für die GHS-Zwecke jedoch ungeeignete Landrat-Gruber-Schule umziehen. 2010 begannen Planung und Realisierung der Brandschutzmaßnahmen, 2011 wurden weitere Klassenräume saniert.Umplanungen hatten einen längeren Baustillstand zur Folge. Ende 2011 wurde die Sanierung des Therapiebads in die Planungen aufgenommen. Schon in dieser Phase, als unter anderem Abdichtungs- und Zuleitungsarbeiten in der Pausenhalle stattfanden, mehrten sich die Beschwerden der Eltern über den unzuverlässigen Zeitplan und die Befürchtungen mit Blick auf die Sicherheit während der Bauphase.

Die Küchenzeile im Klassenraum ist für Schülerin Lee ungeeignet - sie kommt nicht an den Wasserhahn. Die für derlei Zwecke ausgelegte Lehrküche kann derzeit nicht genutzt werden. Foto: Dörr

Diese Ängste erwiesen sich – nach mehreren Baustopps in 2012, weil die Bodenfirma nicht liefern konnte und im Herbst ein Wasserschaden hinzukam (in den gerade sanierten Klassenräumen musste der Brandschutz zudem schon wieder nachgerüstet werden) – als begründet: Im März 2014 verunglückte ein Schüler auf der Therapiebad-Baustelle. Zu Beginn dieses Schuljahres stellten die Lehrer im September 2014 eine hohe Staubbelastung in der Schule fest, mehrere Kollegen erkrankten. Am 19. Januar dieses Jahres trat bei den Bauarbeiten - erneut am Therapiebad - eine Staubwolke aus. Dass sich sieben Lehrkräfte im Anschluss mehr als eine Woche lang krankmeldeten, fasste der Technische Betriebsleiter des Da-Di-Werks in einem unserer Zeitung vorliegenden Schreiben „überrascht“ auf und verwies darauf, dass „keine Schadstoffe“ freigesetzt worden seien. Trotzdem gab dies – im Zusammenhang mit einer Elternbeschwerde – den Ausschlag, die Bauarbeiten erneut „vorübergehend“ einzustellen.

Seit dem 5. Februar herrscht an der GHS, für die Schulleiterin Hirth Kritik an den ausführenden Bauunternehmen (mangelhafte Sicherung der Baustellen, fehlende Ernsthaftigkeit bei Beschwerden, keine Rücksicht auf Schulzeiten etwa durch Arbeit am späteren Nachmittag, teils Verständigung wegen schlechter Deutschkenntnisse nicht möglich) übt, ein erneuter Baustopp. Doch vor allem schockt die Schule derzeit das, was Hirth im Gespräch mit dem Architekturbüro erfahren hat: „Die vorsichtige Schätzung des Architekturbüros war, dass der Abschluss aller Arbeiten bis 2028 dauern könnte.“

Grund für den drohenden Marathon: Das Da-Di-Werk hat Planer und Bauunternehmen dazu aufgefordert, an der GHS vorerst ausschließlich in den Sommerferien tätig zu sein. In der Stellungnahme des Kreises heißt es auf Anfrage unserer Zeitung nun, man plane „nach reiflicher Überlegung“, auch in den Oster- und Herbstferien arbeiten zu lassen. Horneff sagt weiter, dies sei „zum Wohle der Schulgemeinde“ entschieden worden. „Die Aussage der Architekten, die Arbeiten dauerten dann bis 2028, kann so nicht stehenbleiben.“ Das könne nur für den Fall gelten, dass ausschließlich in den Sommerferien gearbeitet werde.

Kreis: Terminplan kommt nach den Sommerferien

Einen exakten Terminplan, so Horneff, werde der Kreis nach den diesjährigen Sommerferien präsentieren. Dann wissen Schulleitung, Schüler, Eltern und Lehrer der GHS, wann die scheint’s unendliche Geschichte doch einmal enden könnte. Noch lange werden sie sich aber im schulischen Alltag mit herben Beeinträchtigungen herumärgern müssen: Derzeit stehen beispielsweise weder die Lehrküche, die Sporthalle, das Therapiebad, der Wahrnehmungsraum noch der Musikraum für ihre Zwecke zur Verfügung. In der ganzen Schule gibt es keine einzige Dusche. „Wenn sich ein Kind vollmacht, müssen wir mit dem Waschlappen rangehen“, so Hirth. Die Musikinstrumente blockieren die Bibliothek, der Deckenlifter,- der beim Transport gehbehinderter Schüler helfen soll, ist gesperrt, viele Gänge enden als Sackgasse.

Aus Sicht der Eltern schildert die Dieburgerin Jacqueline Gärtner, Mitglied der Schulkonferenz, die Situation als „demotivierend für die Lehrer“, vor allem aber als „großes Problem für die künftige Entwicklung der Kinder“. So fehle etwa die Lehrküche, wo die gehandicapten Schüler wichtige Grundlagen zu Essenszubereitung und Hygiene und damit Grundvoraussetzungen für ein später möglichst selbstständiges Leben erlernten, schmerzhaft. Gärtner und Hirth fürchten, die Schüler könnten über Jahre nicht das Angebot erhalten, das die GHS im Normalfall - ohne Sanierungschaos - zu leisten imstande sei.

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