Premierensitzung beim KVD

Gunkes wird Hofnarr beim Landrat

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Den „Starlight Express“ brachte das Hofballett zusammen mit „Pünk“ auf rasanten Rollen auf die Bühne.

Dieburg - Es musste nicht erst bis zum großen Finale kommen, bis viele der Besucher der Premierensitzung am Freitagabend auf den Stühlen standen: Mit einem schwungvollen Programm, das begeistert aufgenommen wurde, zeigt der KVD in seinem 177. Jahr, dass die Dieburger Fastnacht nicht nur bebt und lebt, sondern auch eine rosige Zukunft hat. Von Lisa Hager. 

Wegen des Nachwuchses braucht man sich keine Sorgen zu machen – schon gar nicht in tänzerischer Hinsicht: Das Jugendballett (Leitung: Andrea Bausch, Julia Kern, Annika Fink) bringt mit „Venezia“ das Publikum gleich zu Beginn zum Schwärmen, nachdem es von Sitzungspräsident Bernd Wolfenstädter herzlich begrüßt wurde.

Rund ums Fastnachtsmotto („Dout nit breble, dout nit schenne, dout liewer uff die Fassnoacht renne!“) kreist die Rede von KVD-Präsident und Protokoller Friedel Enders. Er zeigt mit gewohnt kritischem Zeigefinger auf, wo es global und aus Dibbojer Sicht durchaus einiges zum „Schenne“ gibt. Aus aktuellem Anlass steigt ihm auch die Galle ob all der gewalttätigen Fanatiker, die unter dem Deckmäntelchen der Religion derzeit die Welt in Atem halten.

Den Finger in so manche Wunde gelegt

Ob das Debakel ums Schlossgartenfest, die Verkehrs-, Straßen und Brückenprobleme oder das Aussterben der Dieburger mangels Geburtshilfe im Rochus („Fürbitten für mehr Hausgeburten“) legt er wie gewohnt auch den Finger in manch lokale Wunde. In der heiklen Frage der Landratswahl – schließlich steht einer der Kandidaten auf der Fastnachtsbühne – findet Enders eine diplomatischen Dreh und ruft nur dazu auf, überhaupt zur Wahl zu gehen. Ein bisschen träumen von der Kreisstadt Dieburg darf ein Fastnachter ja...

Talentierter tänzerischer Nachwuchs: Das Jugendballett ist mit „Venezia“ der erste Höhepunkt der fast siebenstündigen Sitzung in der Römerhalle.

Betrachtet man ihre mädchenhafte Figur; weiß man erst nicht so recht, von was Monika Schledt da eigentlich spricht, wenn sie sich in ihrem Vortrag über die Beschwerlichkeiten des Alters auslässt und der Lidstrich so gar nicht mehr gerade werden will. Wenn ihr der hübsche junge Mann im Bus, mit dem sie gern ein bisschen geflirtet hätte, aber plötzlich seinen Platz anbietet („Oma, setz dich“), kommt einem die Szene schon bekannt vor. Aber auch die Männer haben es nicht leicht, da braucht sie sich nur umzudrehen: „Mit einem Gebiss vom Dracula, sind auch beim Elferrat wieder Zähne da!“

Fetzig die neuen Fastnachtsschlager wie „Steh auf, mach mit“ (Text und Musik: Matthias Sahm/Jürgen Schaarvogel), den Leonie Feudl als Newcomer-Sängerin charmant zum Besten gibt. Da lässt sich das Publikum natürlich nicht lange bitten. Eine richtige Bühnenshow mit Tanzeinlagen bringt Stefan Mann mit „Hey, du!“, das komplett aus seiner Feder stammt, zusammen mit Newcomerin Amelie Muhly auf die Bühne. Helge Tisch steuert „Fastnacht feiern mit Äla“ (Text: Tisch/Musik Alberto Testa) als neuen Samba-Ohrwurm für die aktuelle Kampagne bei.

Als Neuling auf der Bühne, der man keinen einzigen Lampenfieber-Schweißtropfen ansieht, erklimmt die Groß-Zimmnerin (!) Elke Kunkel – im Zivilberuf Lehrerin – die Bühne. Ebenso souverän hat sie wohl ihren Anfänger-Skikurs gemeistert („Das ist Yoga im Schnee“). Um den gereimten Katastrophenbericht zu unterstreichen, räumt sie auch gleich einen Dekorationsski an der Bütt ab. Dass schwarze Pisten im weißen Skitarnanzug eine gute Figur machen, glaubt man ihr aufs Wort.

Aber die Zimmner sind nicht nur mit einer starken Abordnung – angeführt von Thomas Beutel – im prall gefüllten Saal vertreten, auch auf der Bühne geht es mit nachbarschaftlichen Themen weiter. Viel Gelächter gibt es für das etwas in die Jahre gekommen Kerbmädsche, „es Jacqueliensche“ (Christine Ludwig). Mit Kerbborscht (Thorsten Setzer) und „Kerbvaderrrr“ (Bernd Schneider) fragt sie die Dieburger, ob sie auch schon so richtig „die Hinkel inne gedou“ haben – die Zimmnersche Nationalhymne singt zum Abschluss der ganze Saal. Was für Verbrüderungsszenen! Dem Weltfrieden ein Stückchen näher.

Sitzung beim KVD

Sitzung beim KVD

Von da zur großen Musicalwelt: Rasant in der Art eines Überfallkommandos auf Rollschuhen stürmt das Hofballett mit der Gruppe „Pünk“ den Saal: Und das nervenzerfetzende Rennen der Züge (Patrick Liste, Mark Weinreuter, Rainer Glaser, Frank Schmitt), zu dem Schaffner Sebastian Stöveken die Gleise räumen lässt, beginnt. Die Szenen aus dem „Starlight Express“ sorgen für laute Begeisterungsstürme.

Gut, dass man danach bei Gunkes und Bawett wieder verschnaufen kann – allerdings ist Bawett (Julia Kempf) etwas außer Atem: Hat sie doch im Stellenmarkt des Dieburger Anzeigers eine Annonce des Staatstheaters Darmstadt entdeckt und möchte mit ihrem Gunkes (Thomas Buchert) jetzt gar zu gerne Romeo und Julia üben. Die Stärke der beiden aber sind traditionsgemäß die Lokalspitzen, die dann auch reichlich verteilt werden. Dem DA nämlich wurde der Geheimplan für den Fall der Fälle, der Landratsamtsübernahme durch Dr. Werner Thomas, zugespielt. Hier ein Auszug aus der Geheimliste: Vor Dienstantritt ist die Frühmesse zu besuchen, nichtkatholische Mitarbeiter werden zur Müllabfuhr versetzt, Alkohol und Sex am Arbeitsplatz sind streng verboten, der Vatikan wird Dieburgs nächste Partnerstadt. Und in Dr. Thomas´ Schattenkabinett hat Gunkes auch schon seinen Platz: als Hofnarr.

Als Polit-Kabarettisten erster Güte zeigen sich die „Äla Kepp“. Mit Michael Müller am Klavier (erstmals dabei) nehmen sie das Publikum mit auf eine musikalische Zeitreise – gegen die Demenz, die einem bei so manchem Politiker befällt, den man lieber vergessen möchte. Und die Liste derer, die nach ihrer missglückten Polit-Karriere ins Auffanglager der großen Wirtschaftsunternehmen kamen, ist lang: von Fipsi Rösler, über Teppichhändler Niebel bis zum gegelten Guttenberg („Jetzt Heimatvertriebener in den USA“) reicht die Palette. Aber auch aktuelle Minister erklimmen die Bühne: Bundeswehr-Uschi (neu dabei: Simone Buschmann) „weiß, dass einmal ein Wunder geschehen“ und die Truppe tatsächlich einsetzbar sein wird. „Und fällt mal eine Drohne runter, davon geht die Welt nicht unter.“ Ihre Truppe auf der Bühne befehligt sie zackig – hat sie doch auch eine komplette Militärkapelle zur Verfügung.

Die Landratsfalle schlägt zu

Als sie die Rolle und ins Abendkleid wechselt, schlägt auch hier die Landratsfalle zu: „Melanie“ bringt ihrem roten „Pit“, der ja gerne Landrat bleiben möchte, die richtigen Flötentöne und Tanzschritte bei. „Nur mit mir geht es bergauf“, versichert sie ihm und: „Ich und Du - zusammen sind wir schwärzer als die CDU“.

Dem christsozialen Landratskandidaten müssen hinter der Bühne schon mehrfach die Ohren geklungen haben, aber die langbeinige blonde Schwester der Schönheitsfarm von Prof. Dr. Ourrumbel (Lothar Wolf) lässt sich nichts anmerken: „Chantalle“ (Dr. Werner Thomas) hat für alle Patientinnen einen Termin, damit der Chef jubilieren kann: „Ich schnippel in the morning, ich schnippel in the evening...“ Ob es ein akutes Bartproblem, sichtbare Orangenhaut oder fehlende Oberweite ist, der zerstreute Professor hat für alle Patientinnen eine Lösung parat. Und der Leser hat es schon geahnt: Hier ist vom umjubelten Auftritt der Speeslochfinken unter Leitung von Werner Utmelleki die Rede.

Mit Stoppelbehaarung geht es weiter: Die Heihupper bringen mit ihrer temperamentvollen Flamenco-show die Bühnenbretter ins Wanken. Kein Wunder, dass die Tänzerinnen mit den sich nach außen wölbenden Taillen ihren eher schmächtigen Torrero auf Händen tragen können. Und Reinhold Steinmetz feiert als Flamenco-Gitarrist seinen 60. Geburtstag auf der Bühne!

Da geht es bei den Turnübungen mit Petra Hermann-Kahle und Bettina Steinmetz kreislaufschonender zu. Mit Sport allein – so das Fazit – lässt sich aber auch das eingeschlafene Eheleben nur noch schwer in Schwung bringen.

Drei Models aus dem Odenwald stellt Joachim Steinmetz in Blümchen-Bermudas schließlich den sich in Streitgefechten gegenseitig zermürbenden Modezaren (Klaus Gottwald und Matthias Sahm) vor. Da erfährt man endlich auch, was die Abkürzung MODE bedeutet: Männer Opfern Das Ersparte“. Die Gersprenz-Kollektion hat auch was für Mollige im Angebot, wie Model Jürgen Hammer beweist, bis schließlich Conchita Wurst (Patrick Liste) zu „Dibborsch‘s Next Top Model“, gekürt ist und im Konfettiregen versinkt.

Das Hofballett (Leitung Svenja Fink und Alisha Heider) verzaubert mit „Moulin Rouge“ in den KVD-Farben und die Äla-Fetzer (Leitung Klaus Becker) bringen als „Oalde“ den Saal zum Überkochen. Der fulminante Gardetanz ist der letzte Höhepunkt vorm großen Finale, bei dem den Akteuren des Sitzungsprogramms 2015 lang anhaltender Applaus in den Ohren dröhnt – und der ist mehr als verdient.

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