Über 1.000 Paar Füße besuchten 2.600 Paar Schuhe auf der 100-Meter-Strecke zum Schloss Fechenbach

Der Schuh geht, die Botschaft bleibt

8.30 Uhr, fertig! Zumindest die „weiße Schuhabteilung“ der Kunstinstallation, mit der begonnen wurde. Fünf Minuten vor 11 Uhr war am Sonntag der große Auftritt perfekt. 18 Helfer hatte Sue Hénon (links vorne) an ihrer Seite, die mit anpackten. Spontan hatten sich auch Privatleute gemeldet, die helfen wollten. - Foto: Armin Kaiser

Dieburg - Dass sich 2.600 Paar Schuhe zur gleichen Zeit aufs Schloss zubewegen, wird wohl in Dieburg nicht noch einmal vorkommen. Von Lisa Hager 

Schätzungsweise mehr als 1 000 Besucher jedenfalls haben den historischen Moment miterlebt – der von 11 bis 17 Uhr dauerte und für Künstlerin Sue Hénon mehrere Monate. „Ich kann keine Schuhe mehr sehen“, ist die spontane Antwort von Sue Hénon, wie sie denn den Sonntag überstanden hätte. Aber sie lächelt dabei – sichtlich zufrieden. „Es ist prima gelaufen“, schiebt sie nach, „das Wetter war fantastisch, genauso wie die Helfer und die vielen Besucher“. Von der Resonanz auf ihre einmalige Kunstinstallation „Walk this Way“ ist sie noch ganz überwältigt. Bereits beim Aufbau ab 8 Uhr morgens hatte Sues Team mit 18 Helfern einige Zuschauer. Manche hatten direkt schon gewartet, dass es endlich losging. „Manche wollten sehen, wie so etwas gemacht wird“, sagt die Malerin. Und viele freuten sich, dass die Installation doch noch über die Bühne ging, schließlich hatte es am geplanten Termin Mitte September leicht genieselt, so dass die Aktion nach Monaten der Vorbereitung abgeblasen werden musste. Schließlich stand ja ein Ziel am Ende des Tages: Die Schuhe sollten einem karitativen Zweck zugeführt werden und dafür in gutem Zustand bleiben. Und das gelang am Sonntag: Das DRK und die Kolpingsfamilie sammelten die wieder gebündelten Paare ein und transportierten die Waren mit Transportern ab. „Es war ein gespenstischer Augenblick, als ich um 19 Uhr noch ein letztes Mal durch den Park ging und alles leer war – alles wäre nie etwas gewesen“, erinnert sich Hénon.

Viele schritten die Reihen auf und ab: Die Kunstinstallation „Walk this Way“ zog viele Besucher an.  Foto: Hager

Aber bis dahin waren noch etliche Stunden voller Adrenalin zu überstehen. Den Aufbau begann das Team – darunter etliche Mitglieder des Museumsfördervereins und Museumsmitarbeiter – von „rückwärts“ her mit der Farbe Weiß. Schließlich war nicht hundertprozentig klar, wieweit die 2 600 Paare reichen würden. Aber Hénon hatte die 100 Meter lange Strecke gut berechnet. „Es hat fast auf den Zentimeter gepasst.“

Fünf Minuten vor 11 Uhr, der geplanten „Eröffnungszeit“ stand die „Meile“: Schwarze Lederstiefel empfingen die Besucher am Eingang des Parks. Dann wechselt die Farbwelle ins Dunkelbraune, Hellbraune, um später Blau, Grün, Lila, Rot, Orange und Gelb zu werden. Die düsteren Farben sollen die schwierigen Phasen des Lebens symbolisieren, die helleren Hoffnung machen – bis Creme und Weiß die Oberhand gewinnen und leuchtend in der strahlenden Herbstsonne aufs Schloss zumarschieren. Ein paar ausgesuchte exquisite Paar mit hohen Absätzen streben dann solo dem Eingang zu – und machen neugierig aufs Innere. Und damit ist ein Ziel der Installation erreicht: Den Weg ins Museum finden – wenn auch auf eine etwas andere Art. Drinnen erwartete die Besucher eine kleine Ausstellung übers alte Schusterhandwerk, die Kulturamtsleiterin Ulrike Posselt zusammengestellt hatte – und ein 35 Jahre alter Babyschuh, den Ronald Gabele beim Umgraben in seinem Garten wieder gefunden hat.

Aus einer schwierigen Lage Gutes schaffen

„Dass man auf einem gemeinsamen Weg, sich auch aus schwierigen Lagen befreien kann, etwas Gutes schaffen kann, das ist die andere Idee hinter der Aktion“, sagt Hénon. Und dass das gelingen kann, hat die Aktion von der Idee bis zur Realisierung selbst gezeigt. Über Monate waren Sue Hénon und Ute Grimm beispielsweise im Keller des Ateliers in der Steinstraße damit beschäftigt, die gesammelten Schuhe mit Bast zu bündeln und immer wieder neu – da stets weitere dazu kamen – nach Farbschattierungen zu sortieren.

„Es steckt ganz viel Bürgerengagement drin“, freut sich die Macherin. Denn der Hauptteil der 2 600 Paare kam von Privatleuten, denen sie noch einmal herzlich dankte. Etliche Sammelstellen waren in der Stadt eingerichtet. Kinder haben in den Schulen separat gesammelt. Auch Dieburger Geschäftsleute wie die Schuhhäuser Grimm (100 Paare) und Enders in der Zuckerstraße haben gespendet. Dann reagierten auch große Schuhfirmen wie Rohde (440 gleiche Paare in Weiß) oder Peter Kaiser (200 Paare mit Highheels) auf die Anschreiben Hénons. Sie ließen die Schuhe per Post nach Dieburg liefern. „Massenweise Kartons waren da zu öffnen“, sagt Hénon und zeigt auf ihre bandagierte linke Hand, die bei diesen Arbeiten etwas gelitten hat.

Den ganzen Sonntagnachmittag über sind die Schuhe der Passanten an den „Kunst-Schuhen“ vorbeigewandert. Es gab durchweg positive Reaktionen auf den „Auftritt“ im Park. Auch ein Mitarbeiter des Ledermuseums in Offenbach, ein Vertreter einer Schuhfachzeitschrift, Besucher aus Fulda und Frankfurt kamen nach Dieburg und ließen sich von den Schuhen ins Museum leiten. Viele Einheimische sah man mit konzentriertem Blick die Reihen abgehen. „Da sind meine!“, jubelte plötzlich ein kleines Mädchen, das die zu klein gewordenen Turnschuhe in Pink entdeckte. „Meine such’ ich noch, die waren doch blau...“, murmelte eine ältere Dame, den Blick nach unten gerichtet. Manche sah man auch, wie sie ihre Füße neben die Schuhe hielten und Vergleiche nach Farbe und Größe anstellten. „Ob die mir passen würden?“, meinte eine junge Dame, die sehnsüchtig ein silbrig glänzendes Paar mit Pfennigabsätzen betrachtete. Dass niemand auf die Idee kam, Schuhe „mitgehen“ zu lassen, darauf achteten Helfer und Museumsmitarbeiter. Und so konnten alle Paare schließlich ihrem Endzweck zugeführt werden: die Füße von Bedürftigen zu schützen und zu wärmen. „Die Schuhe sind jetzt weg“, so Hénon. Sie selbst müsse sich jetzt erst wieder auf ihre eigene Arbeit konzentrieren, bevor sie vielleicht eine neue Aktion auf die Beine stellen könne. „Die Schuhe sind gegangen, aber der Gedanke, die Botschaft bleibt hoffentlich.“

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