Zeit ist reif für eine inklusive WG

+
Leben Menschen mit und ohne Behinderung in der Region bald in inklusiven WGs zusammen? Die Lebenshilfe – rechts Mitarbeiterin Anka Dolch – würde sich freuen. Links Johannes Rowe, Kunde des Vereins.

Dieburg - Die Lebenshilfe in Dieburg will Menschen mit und ohne Handicap zusammenbringen. Von Jens Dörr 

Dieburg - Es ist eine Idee, die gar nicht so außergewöhnlich klingt, deren Umsetzung es aber wäre: Die Lebenshilfe Dieburg, Verein für Menschen mit Behinderungen, plant in ihrem Einzugsbereich, der den östlichen Landkreis sowie Rodgau und Rödermark umfasst, eine Wohngemeinschaft (WG) von Menschen mit und ohne Handicap. Es wäre der Lebenshilfe zufolge im Raum Dieburg erstmals der Fall, dass sich nicht verwandte, zuvor fremde Menschen mit und ohne Behinderung auf das Zusammenleben unter einem Dach einlassen.

„Für einige Eltern von Menschen mit Behinderung ist klar: Mein Kind soll nicht in ein Wohnheim“, sagt Christine Ortwein-Kartmann, Geschäftsleiterin der Lebenshilfe. Zusammen mit Heilerziehungspfleger und Sozialfachwirt Markus Zimmermann, der im Verein unter anderem für den Bereich „Wohnen mit ambulanter Unterstützung“ tätig ist, kennt sie die Lebensumstände der betreuten und begleiteten Personen genau.

Besonders interessant für Studenten

„Einige unserer Kunden leben in der eigenen Wohnung, gerade jene mit geringerem Hilfebedarf. Sie unterstützen wir zum Beispiel beim Haushalten, Kochen und Einkaufen.“ Andere lebten in einer Einliegerwohnung des Elternhauses. Das betreffe in der Region derzeit 13 Menschen, um die sich fünf Kräfte der Lebenshilfe kümmerten. (Übrigens ist die Lebenshilfe nicht zu verwechseln mit dem Verein für Behindertenhilfe in Dieburg und Umgebung, der nach wirtschaftlichen Turbulenzen in der Nieder-Ramstädter Diakonie jüngst einen neuen Träger fand).

Dass Menschen mit Behinderungen in Dieburg oder einem anderen Ort des Einzugsgebiets künftig weder im Wohnheim noch bei den Eltern noch allein leben könnten, gehe auf den zunehmend geäußerten Wunsch der Kunden zurück, betonen Ortwein-Kartmann und Zimmermann. Es handele sich nicht um eine am Schreibtisch ersonnene Idee, stattdessen wolle man auf die Nachfrage der Familien hin ein Angebot schaffen. „Wir denken, dass es bei den Menschen ohne Behinderung besonders für Studenten interessant sein könnte, an einer inklusiven WG teilzunehmen“, sagt Zimmermann. „Das schließt andere Gruppen allerdings nicht aus.“ Orientiert habe man sich an erfolgreichen Beispielen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Im näheren Umkreis von Dieburg ist der Lebenshilfe bisher kein solches Angebot bekannt geworden. „Die Zeit ist jetzt aber reif für eine inklusive WG“, so Zimmermann. Familien, die ihre gehandicapten Kinder gern in einer solchen Wohngemeinschaft sähen, hätten sich bereits beim Verein gemeldet.

Suche nach Menschen mit Behinderung beginnt

Nun beginnt die Suche nach Menschen ohne Behinderung, die sich das Zusammenleben – auch wie bei Studenten-WGs üblich womöglich nur für einen begrenzten Zeitraum – vorstellen könnten. Finde man hier Interessenten, werde man eine Art „Casting“ veranstalten, bei dem sich die Menschen mit und ohne Handicaps beschnuppern könnten. „Die Chemie muss stimmen“, stellt Ortwein-Kartmann heraus. Damit im Idealfall nicht nur die WG-Bewohner, sondern auch die Räumlichkeiten bald gefunden seien, habe die Lebenshilfe die Suche nach Wohnraum in Dieburg und Umgebung bereits begonnen.

Neben der bereichernden Erfahrung des Zusammenlebens mit einem oder mehreren Menschen mit Behinderung kann sich der Verein unterdessen auch weitere Anreize für die Personen ohne Handicap vorstellen: Beispielsweise könnten nichtbehinderte Mitbewohner nach entsprechender Schulung wöchentlich eine bestimmte Zahl an Assistenzstunden mit den gehandicapten Wohngenossen verbringen, die dann auch vergütet würden.

Interessierte, die nähere Informationen zur geplanten inklusiven WG erhalten möchten, können mit der Lebenshilfe telefonisch (06071/21919) oder per E-Mail (info@lebenshilfe-dieburg.de) Kontakt aufnehmen.

Kommentare