„Ein Stück Dieburg stirbt“

Edeka-Markt der Familie Kosch schließt nach 67 Jahren

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Schließen bald zum letzten Mal ihren „nah und gut“-Markt ab: Herbert (l.) und Christian Kosch.

Dieburg - Er ist eine Institution in Dieburg, doch jetzt ist Schluss. Der Edeka-Markt der Familie Kosch schließt. Ab dem 12. Dezember steht der Ausverkauf an. Eine Wohnbebauung ist für das Geländes nicht vorgesehen. Von Jens Dörr 

Erst wenige Tage sei es her gewesen, als eine Frau auf Christian Kosch und seinen Vater Herbert zugekommen sei: „Mit Ihnen stirbt wieder ein Stück älteres Dieburg“, habe die Kundin mit großem Bedauern ausgedrückt, was viele gerade im östlichen Teil der Stadt derzeit traurig macht: Nach 67 Jahren endet wohl noch vor Weihnachten die Ära der Kaufmanns-Familie Kosch, die fast sieben Jahrzehnte lang einen Edeka-Markt in Dieburg betrieben (zuletzt unter dem Markennamen „nah und gut“, den die kleineren Edeka-Läden tragen). Am 12. Dezember beginnt der Ausverkauf des restlichen Sortiments mit Rabatten. Bitter gerade für die Stammkunden und natürlich die Koschs selbst: Ohne den Neubau des Netto-Markts im nahen Neubaugebiet auf dem ehemaligen Südteil des Hochschul-Campus’ wäre es vorerst weitergegangen.

Es sei in der bisherigen öffentlichen Debatte nicht ganz klar rausgekommen, sagt Christian Kosch im Gespräch mit unserer Zeitung und wirkt wie sein Vater dabei trotz allem nicht böse oder verbittert. Aber: Der Neubau des großen Edeka-Markts neben dem Friedhof sei keineswegs das alleinige und endgültige Todesurteil für den Kosch-Markt an der Ecke Aschaffenburger Straße/Henri-Dunant-Straße einige hundert Meter weiter gewesen. Edeka erwarb in der Groß-Umstädter Straße vor gut vier Jahren das Gelände der Gärtnerei Spieß, errichtet dort einen Markt mit einem Vollsortiment auf weit mehr als 1 500 Quadratmetern Verkaufsfläche (und damit der dreifachen Kosch-Fläche).

Der Edeka-Markt der Familie Kosch, wie er einst in der Steinstraße seinen Anfang nahm. Ende der 60er folgte der Umzug in den Osten der Stadt, wo 1979 der bis heute existierende Neubau realisiert wurde.

Diesen Markt sollte ursprünglich Christian Kosch betreiben, der dann aber absprang. „Meine Kinder sind beruflich anders orientiert“, sagt er. „Deshalb habe ich es zurückgegeben.“ Mit seinen aktuell 50 Jahren hätten die großen finanziellen Investitionen nur dann Sinn gemacht, wenn auch für die Zeit nach seiner eigenen Erwerbstätigkeit hinaus Nachfolger innerhalb der Familie zur Übernahme des Markts bereit gestanden hätten. Dies wäre nicht der Fall gewesen. Allerdings: Als feststand, dass er selbst den neuen, wesentlich größeren Markt nicht übernehmen würde – das wird nun Erich Kampmann tun, der bereits den ähnlich großen Edeka-Markt in Münster betreibt –, sei das noch nicht das definitive Ende seines kleineren „nah und gut“-Markts gewesen, stellt Christian Kosch heraus. „Es kamen so viele Kunden auf uns zu, die uns gebeten haben, es doch zumindest weiter zu versuchen.“ Das sei ihnen dann auch vorgeschwebt – sollte es in Konkurrenz zum neuen, großen Edeka-Markt nicht funktionieren, hätte man nach einem Jahr immer noch schließen können. „Dann aber kam Netto hinzu“, spielt Kosch junior auf den nächsten Lebensmittelmarkt in Dieburg an, der sogar noch etwas näher an seinem Geschäft eröffnen wird. „Der hat zwar eine andere Philosophie“, meint er, sagt jedoch voraus: „Doch jeder Euro, den der neue Netto machen wird, würde uns zu 80 Cent fehlen.“

Trotz der hohen Anerkennung, die die Koschs über die Generationen hinweg genossen haben, trotz des großen Zuspruchs der Kunden auch jetzt: Mit der Genehmigung des Netto-Markts auf dem ehemaligen Campusgelände fällten die Dieburger Kaufleute den Entschluss, nun – da sie noch schwarze Zahlen schreiben – die Geschäfte auslaufen zu lassen.

Dies ist wahrlich eine Zäsur. Schon 1949 wurde der Grundstein für das Familienunternehmen gelegt – damals noch in der Steinstraße 52 von Bruno und Anna Kinzel. 1961 übernahmen Helga und Herbert Kosch das Geschäft, das von Anfang an seine Waren von Edeka bezog, und eröffneten 1969 neu in der Dunant-Straße, weil das Steinstraßen-Gebäude für den Ausbau der Darmstädter Straße und des Minnefelds weichen musste. Am neuen Standort folgte auf den SB-Behelfsladen 1979 die Eröffnung des Neubaus des Markts in jener Form, wie er sich bis heute am aktuellen Standort präsentiert. 1996 übernahm in Christian Kosch die dritte Generation der Familie das Geschäft. Nach 20 Jahren unter seiner Leitung ist dieses Stück Dieburger Unternehmenskultur in einigen Tagen Geschichte. Das gesamte Gelände gehört einschließlich Parkplätzen und Standplatz für den Dönerwagen weiterhin den Koschs. Die Immobilie soll auch künftig gewerblich genutzt werden. Noch steht aber kein neuer Nutzer fest. Eine Wohnbebauung sei indes nicht geplant, so Christian Kosch. Sein Vater Herbert und er selbst sagen, dass sie das Ende der Ära wohl erst ganz realisieren werden, wenn die Ladentür zum endgültig letzten Mal abgeschlossen ist. Ob man doch verbittert sei, weil das Ende zu verhindern gewesen wäre? „Verbittert ist das falsche Wort“, sagt Christian Kosch ohne nachzutreten. „Es ist, wie es ist.“ Immerhin: Der Großteil der Belegschaft, die ein Dutzend Personen umfasst, steht nach dem Aus in Kürze nicht vor dem Nichts. Drei Viertel der Mitarbeiter haben bereits einen neuen Arbeitsplatz in Aussicht.

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