Hans Dörr berichtet über Osterbräuche aus seiner Kindheit

Als die Eier vom Storch gebracht wurden

dieburg - Eierfärben und die Nestsuche im Garten zählen heute zu den gängigsten Osterbräuchen. Wie die Auferstehung Jesu Christi jedoch vor 80 Jahren in Dieburg gefeiert wurde, darüber weiß Hans Dörr einiges zu berichten. Von Konstanze Löw 

„Am Gründonnerstag verstummten nach dem Gloria die Glocken“, erinnert sich Hans Dörr, als würde er von gestern erzählen. Doch der Dieburger, Jahrgang 1931, berichtet von einer Zeit, in der er selbst gerade einmal sechs Jahre alt war. „Uns Kindern wurde erzählt, dass die Glocken nach Rom fliegen, um vom Papst für ihre treuen Dienste belohnt zu werden“, erinnert sich Dörr. Dort, so wurde den gutgläubigen Kindern weisgemacht, blieben sie bis Karsamstag, um schließlich in der Osternacht nach Dieburg zurückzukehren. Das Wegfliegen der Glocken war jedoch einer der Osterbräuche Ende der 1930er Jahre und wurde dementsprechend von den Erwachsenen gelebt, erklärt der bekannte Heimatforscher. „Am Gründonnerstag ging es mit der Oma Richtung Stadtkirche, den Turm fest im Blick, um den Abflug der Glocken auch ja gut sehen zu können“, erinnert sich Dörr.

Doch gerade als es (angeblich) spannend werden sollte, setzte die gewiefte Oma zum Ablenkungsmanöver an: „Guck emol da driwwe is ja ach de Schorch“. Dörr und die anderen Kinder drehten sich um, den Turm aus dem Blick gelassen, hatten sie natürlich nicht mitbekommen, dass gerade in diesem Moment die Glocken wegflogen. „Die Enttäuschung war dann groß. Im neuen Jahr gab es noch einen Versuch, doch mehr als zwei Mal konnte man uns Kinder nicht veräppelt“, scherzt Dörr heute. Und auch an die restliche glockenlose Zeit kann er sich noch erinnern: Denn die „Klepperbuben“ mussten dann den Läutdienst übernehmen. Bei den Kleppern schlug ein Holzhämmerchen auf ein Brett und verursachte ein lautes Klappergeräusch. Die Messdienerbuben, zu denen in den 30ern auch Dörr gehörte, seien mit Begeisterung dabei gewesen. „Oftmals gab es Streit unter uns, natürlich wollte jeder zu den Krachmachern gehören“, sagt Dörr. Und in der Osternacht war es dann geschafft: Die Glocken kamen mit festlichem Geläute in den Turm zurück. In Dieburg konnte wieder Ruhe einkehren.

Doch nicht nur in punkto Glocken waren die Dieburger zu Ostern äußerst kreativ. Auch beim Thema Ostereier ging es in der Gersprenzstadt anders als in den umliegenden Gemeinden zu: Für die Dieburger gabs „Storkseier“. „Überall brachte der Osterhase, wie auch heute noch, die gefärbten Eier. In Dieburg besorgte sie aber der Storch“, weiß Dörr. Woher dieser Brauch stammt, kann er sich auch nicht erklären. Vor Ostern wurden dann im Garten die Nester gebaut, oftmals haben die Großeltern dabei geholfen. „Das Nest musste ordentlich sein, sonst setzte sich der Storch nicht drauf. Am Ostermorgen wurde er angelockt, wir Kinder durften natürlich nicht zuschauen.“ Doch irgendwann durchschauten die Kinder die Geschichte und wussten, dass weder Storch noch Hase – sondern die Mutter – die Eier ins Nest legte. „Schon waren wir um eine Illusion ärmer“, sagt Dörr mit einem Augenzwinkern.

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