Um eine Institution ärmer

Plappert Buch & Papier schließt im Dezember

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Zwischen Girlanden, Stickern, edlen Schreibwaren und Kinderbüchern fühlt sich Katrin Chirico eigentlich am wohlsten. Trotzdem muss sie ihr Geschäft in der Steinstraße schließen.

Dieburg - Für Bücher- und Schreibwarenfreunde gibt es eine schlechte Nachricht: Das Traditionsgeschäft Plappert Buch & Papier schließt spätestens zum Jahresende. Doch ein Nachmieter steht bereits fest. Von Konstanze Löw

„Ausverkauf. Wir schließen zum 31. Dezember“. Der neonorangene Aufkleber sticht Passanten der Steinstraße seit einigen Tagen sofort ins Auge und ist gleichzeitig Übermittler der Hiobsbotschaft: Das Traditionsgeschäft Plappert Buch & Papier macht dicht. Leicht fiel Katrin Chirico, Geschäftsführerin des Ladens, die Entscheidung nicht. Das merkt man ihr, fragt man nach den Gründen der Schließung, sofort an. „Der Umsatz stimmt nicht mehr“, lautet die ehrliche und kurze Antwort. Das Ende habe sich in einem langen Prozess in den letzten anderthalb Jahren immer mehr herauskristallisiert – Kunden blieben aus, Online-Konkurrenten stellten sich immer breiter auf.

Doch zum Teil sieht Chirico auch bei den Dieburgern die Schuld für das Schwinden des Traditionsgeschäfts in der Steinstraße 4: „Das Bewusstsein, dass auch die Verbraucher erheblichen Einfluss auf den Erhalt des Einzelhandels haben, ist in Dieburg bei vielen noch nicht angekommen. Im Geschäft vor Ort schauen, dann aber online kaufen, funktioniert auf Dauer nicht.“

Zudem vermisse sie die Wertschätzung dafür, wie vielfältig und interessant Einzelhandel sein kann und schwärmt von Städten wie Frankfurt und Köln, in denen kleine, individuelle Läden und Manufakturen geschätzt und unterstützt werden. Das ein solches Ladenkonzept nicht in der Gersprenzstadt funktioniert, macht Chirico traurig, gerne hätte sie das Geschäft weitergeführt. Doch sie hat eine Erklärung: „Dieburgs Kunden sind speziell. Wir sind keine arme Stadt, trotzdem schaut jeder auf sein Geld.“ Doch seit einigen Tagen, seitdem es im Zuge des Ausverkaufs 20 Prozent Rabatt auf alle Artikel außer Bücher gibt, scheint diese Beobachtung nicht mehr zu gelten. „Die Leute rennen mir seit dem Ausverkauf den Laden ein“, erzählt Chirico mit einem lachendem und einen weinenden Auge. „Schon traurig und erschreckend, dass 20 Prozent so viel auszumachen scheinen.“ Anfang der Woche habe sie die Sperrung der Darmstädter Straße noch kritisch gesehen, weniger Betrieb in der Steinstraße befürchtet. Doch nun könne sie sich vor Käufern kaum retten.

Vor allem ihre Stammkunden – sie bringen den Großteil der Einnahmen – wird Chirico, die seit 15 Jahren den Laden führt, vermissen. Jene haben große Anteilnahme gezeigt, sind geschockt über den Verlust des Traditionsgeschäfts, das seit 75 Jahren in der Steinstraße angesiedelt ist. Von Maria Plappert 1941 in Dieburg gegründet, wurde die Buchhandlung ab Ende der 40er Jahre bis 1996 von Maria Plapperts Tochter Käthe geführt. Im Jahr 1969 erfolgte der Umzug an den heutigen Ort in der Steinstraße. Pasquale Chirico übernahm die Buchhandlung von seiner früheren Frau 1996, um schließlich 2011 den Staffelstab an die gemeinsame Tochter Katrin Chirico weiterzureichen.

Seitdem hauchte die gelernte Fremdsprachenkorrespondentin dem Laden ihren eigenen Stil ein, beobachtete Trends, hielt an Traditionen wie etwa Notizblöcken im Ledereinband fest und war stets auf der Suche nach ausgefallenen Geschenkideen oder hochwertigen Kugelschreibern. „Ein eigener Stil ist wichtig. Trotzdem musste ich manchmal von ihm abweichen und Kompromisse eingehen für Artikel, die ich zwar nicht schön finde, sich aber gut verkaufen“, schildert sie den täglichen Spagat. Am Beispiel vom Deko-Klebeband „Masking Tapes“ verdeutlicht Chirico das Spiel zwischen Trend und Nachfrage. „Überall sind die Bänder seit vielen, vielen Monaten total angesagt, doch in Dieburg kommen die Kunden erst seit ein paar Wochen, um nach dem ‚neusten‘ Trend zu fragen“.

Ob die Bücherinsel am Marktplatz ihr zu viel Konkurrenz machte, verneint Chirico. „Viele Leute denken das, aber wir sind zwei unterschiedliche Läden. Ich habe nie mit der Bücherinsel konkurriert, denn Schreibwaren sind mein Kerngeschäft.“

Wie es für die Mutter von zwei Kindern beruflich weitergeht, ist noch nicht klar. Wahrscheinlich wird sie sich in ihrem gelernten Beruf nach einem Job umschauen. „Ich glaube, dass das Geschrei erst groß ist, wenn ich spätestens Ende des Jahres raus bin.“ Doch einige Dieburger machen sich jetzt schon Gedanken. Während eine Kundin am Mittwochnachmittag ihre Ware bezahlt, fragt sie: „Und wenn Sie schließen, kommt bestimmt ein Handyladen rein.“

Diese Befürchtung bewahrheitet sich nicht. Im Januar nächsten Jahres wird das Deutsche Rote Kreuz Dieburg mit seinem Angebot für Second-Hand-Kleidung „Anziehpunkte“ in die Steinstraße 4 ziehen. Das bestätigte gestern der Leiter der Kreisgeschäftsstelle des DRK, Peter Janakiew, auf Anfrage des DA. „Gerade klären wir noch die Feinheiten des Vertrags und freuen uns schon darauf, im neuen Jahr vom Altstädter See in die besser frequentierte Steinstraße zu ziehen.“

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