Amtsgericht wird 111 Jahre alt

Justiz feiert mit den Narren

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Dibborsch Äla im Amtsgericht: Mit Narrengruß Staatssekretär Thomas Metz (links) und Amtsgerichts-Präsident Frank Richter sowie KVD-Präsident Friedel Enders.

Dieburg - Wer glaubt, in Jahrzehnten der Dieburger Fastnacht schon alles erlebt zu haben, musste seine Meinung am Freitagvormittag ändern: Kampagneneröffnung der Narren an der Gersprenz war erstmals bei Justitia. Von Jens Dörr 

Wo normalerweise Erbscheine beantragt, Kirchenaustritte rechtskräftig und Gerichtsverhandlungen abgehalten werden, regierte nun Gott Jokus. Auf der Feier zum 111-jährigen Bestehen des Amtsgerichts Dieburg schickte der Präsident des Karnevalvereins, Friedel Enders, politische Prominenz, Gerichtsbedienstete und viele in Rot-Weiß-Grün-Gelb gekleidete Äla-Jünger um Punkt 11 Uhr 11 Uhr in die Fünfte Jahreszeit, die am Abend mit einem Mini-Umzug und der dritten „Äla-Meile“ in der Innenstadt (separater Artikel folgt) weiter eingeläutet wurde.

Mit dem Klassiker „Adam hat im Paradies ...“ klatschten und schunkelten sich nicht nur Enders, Elferrat und närrisches Gefolge, sondern auch die gut aufgelegte Belegschaft des Amtsgerichts sowie etliche mitfeiernde Dieburger durch die ersten Minuten der neuen Kampagne. Genau so hatte es sich Amtsgerichts-Präsident Frank Richter als Urheber der ungewöhnlichen Jubiläumsveranstaltung „seines“ Hauses ausgemalt: „Besser hätte ich es mir nicht wünschen können“, meinte er mit Blick auf die insgesamt wohl 200 Menschen, die das Justizgebäude vis-à-vis des historischen Mühltums am Freitagvormittag bevölkerten. Auch intern sei seine Idee angekommen: „Alle im Haus waren begeistert“, freute sich Richter, dass er nicht gegen Humorlosigkeit im eigenen Team habe ankämpfen müssen.

Für den KVD gab Friedel Enders zu Protokoll, im Vorstand von Deutschlands mitgliederstärkstem Karnevalverein habe man schon „nach kurzen Diskussionen“ beschlossen, an der 111-Jahr-Feier des Amtsgerichts mitzuwirken. Enders selbst legte sich als Sänger diverser Dieburger Evergreens zu den Klängen von Manfred Müller und Heinz Modrei besonders ins Zeug; doch auch Richter, Staatssekretär Thomas Metz, Landgerichts-Präsident Ralf Köbler, die Landtagsabgeordneten Heike Hofmann und Manfred Pentz, Landrat Klaus Peter Schellhaas sowie Bürgermeister Werner Thomas stimmten die Lieder – mit oder ohne Text in der Hand – mit an. „Das hat’s glaube ich in ganz Hessen noch nicht gegeben, dass ein Gericht 111 Jahre feiert“, meinte Enders.

Bilder: So feiern die Dieburger Narren auch ohne Umzug

Nachdem „Hausherr“ Richter in der noch recht akademischen ersten Feierstunde mehr als ein Jahrhundert der Gerichtsbarkeit in Dieburg hatte Revue passieren lassen (wir berichteten ausführlich), war das ungewöhnlichste Grußwort, gereimt einst von Franz Herz, Maria Bauer vorbehalten. Die Vorsitzende des Heimatvereins sprach in schönster Mundart von den „Gaaßbeck“ an der Dieburger Rathaus-Uhr. Man denke sich beim Draufblicken ja nichts Besonderes –zwei Böcke eben, die sich „die Kebb ourenne“. Der Ursprung aber sei ein menschlicher: Zwei Brüder namens Bock landeten im Streit um ein Erbe eines Tages vor Gericht, „zwaa grouße Dickkebb“ seien sie gewesen. Und weil im Zoff keiner klein beigab, landeten die Werte schließlich beim Staat. Von dem wiederum sicherte sich der Dieburger Gemeinderat ein bisschen Geld und kaufte davon die „Gaaßbeck-Uhr“. Bauer in ihren letzten Versen: „Sou is die Brierer-Bock-Geschischd - däß wolld ich Aich nerr soawwe, woann oaner jetzt die Gaaßbeck sischd, woaß eär, wie veel’s geschloawwe.“

Im Anschluss an die große Runde und einen kleinen Umtrunk hielt Notar und Rechtsanwalt Raimund Lieb einen Vortrag zum Thema „Patientenverfügungen und Betreuungsvollmacht“. Parallel dazu spielten Mitarbeiter im brechend vollen Sitzungssaal vor mehr als 100 Zuschauern den fast 100 Jahre alten Originalfall „Immer Ärger mit der Milch“ nach (Artikel folgt). Zudem eröffnete Künstler Benjamin Wottrich seine Ausstellung expressionistischer Gemälde.

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