Gruselige Nacht

Geisterführung passend zu Halloween

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Fertig zum Fürchten! Die „Geisterjäger“ auf den Spuren der lokalen Grusel-Größen. Tom und Julian (vorne links) kamen im filmreifen Outfit.

Dieburg - Heute ist Halloween. Eine gruselige Nacht steht bevor. Auch in Dieburg treibt sich so manches Spukwesen durch die Gassen. Das wurde bei einer Geisterführung deutlich –gänsehautnah. Von Michael Just 

Eine Begegnung mit dem „Muhkalb“ wünscht man keinem: Es ist groß wie ein Stier, statt einem Kopf besitzt es nur zwei große, rotleuchtende Augen. Wenn man die Gestalt im Nacken spürt, sollte man die Beine in die Hand nehmen: Denn dann ist die Nacht und die Dunkelheit schon so weit fortgeschritten, dass niemand mehr – außer dem Nachtwächter – etwas auf der Straße verloren hat. Ein kleiner Trost: Das Muhkalb begegnet einem nur in der Klosterstraße.

Im Mittelalter hatten die Dieburger gehörig Angst vor dem „Muhkalb“, auch weil es nachts in der Stadt keine Beleuchtung gab. Die Geschichte um das absonderliche Vieh – halb Tier, halb Geist – gehörte zum Grusel-Abend, den das Museum kurz vor Halloween anbot. Museumsmitarbeiterin Hannelore Stuckert, die den Rundgang mit Laterne und Umhang leitete, distanzierte sich gleich zu Beginn vom US-Grusel aus Übersee: „Wir brauchen hier in Dieburg kein Hollywood. Wir haben unsere eigenen Geistergeschichten“, sagte sie. Damit erteilte sie jedem der 40 großen und kleinen Teilnehmer eine Absage, die auf ein wenig Kunstblut oder Erschrecker an der Stadtmauer hofften. Es ging vielmehr darum, was die alten Kirchenbücher über den Geisterglaube in der Stadt berichten.

Der Grusel-Effekt blieb zu Beginn auch aus einem weiteren Grund aus: Mit dem Start um 18 Uhr war es noch viel zu hell dafür. Allenfalls der Anblick von Tom und Julian, beide acht Jahre alt, ließen manche zusammenzucken. Ihre Eltern hatten sie für die Führung als Untote fast filmreif zurechtgemacht. „Das Geheimnis ist schwarzes Haarspray auf weißer Schminke. Danach ein paar Grimassen ziehen und man hat die fürchterlichsten Falten im Gesicht“, erklärte Mutter Claudia Wagner.

Auf der Geistersuche musste die Gruppe ein Stück laufen, denn die Annalen verorten den Spuk außerhalb der Stadtmauern. Nach dem Muhkalb in der Klosterstraße gings zur Wallfahrtskirche. Sie lag in Altenstadt, was einst zu den fünf Dieburger Vorstädten gehörte. Dort wartete die Geschichte einer Frau, die zwar reich, aber ungemein geizig war. Sie zwang ihre Mägde, auch sonntags zu arbeiten, wofür sie nach ihrem Tod bestraft wurde. „Wer den Kopf in eine Nische der Südwand der Wallfahrtskirche hält, wird ihr Jammern und Stöhnen hören. Dazu klappern Spinnrad und Stricknadeln, da ihr Geist unaufhörlich arbeiten muss“, erzählte Stuckert. Heiter hingegen war die Geschichte vom Poltergeist Maximilian Gams, der im ehemaligen Schießhaus seine Streiche trieb und fast an Pumuckl erinnerte.

Gams vertauschte die Gewürze der Bewohner oder pustete die Kerzen aus. Das geschah sogar an Heiligabend, womit der Geist einmal die Menschen um sich herum in die Christmette trieb. „Deshalb sind die Dieburger wohl so fromm“, orakelte Stuckert. Beklemmend war die Geschichte an der Römerhalle, wo in römischer Zeit der Toten- und Sklavenmarkt lag. Als die Römer dort einmal 100 Mädchen als Leibeigene zusammentrieben und die Germanen anrückten, diese zu befreien, brachten die Sklaventreiber die Mädchen um. „Seitdem spuken die jungen Frauen hier als Geister umher“, erklärte die belesene Expertin. Nachts würden sie sogar Pärchen im Schlossgarten verfolgen und diese ärgern, weil ihnen selbst die Liebe verwehrt geblieben ist.

Grusel-Fest Halloween begeistert in vielen Ländern

Die letzte Station war der Mühlturm. Hier wurden Delinquenten und Hexen festgehalten. Das ließ Stuckert auf die Geschichte zum Dieburger Hexenritt überleiten, als drei Burschen den Hexen in der Walpurgisnacht auflauerten. Als einer von ihnen eine Hexe mit den Worten „Seht nur, die alte Glasern ist auch dabei“, verunglimpfte, ertönte ein Schlag und das Bein des Burschen war lahm. Durch einen Tipp des Pfarrers konnte das Geschehene mit göttlicher Hilfe in Form einer Abbitte vor der Hexe wieder rückgängig gemacht werden.

Zum Verdauen der Geschichten ließen sich die „Geisterjäger“ im Museum noch einen „Gruselsnack“ schmecken. Dabei lobten sie die lokale Schauerhistorie, auch wenn die Jüngsten fanden, dass ein kleiner Brückenschlag zu „Hollywood“ und „Halloween“ das i-Tüpfelchen gewesen wäre.

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