Gedenken an Ernst Elias Niebergall

Poetischer Lokalpatriotismus

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Karlheinz Braun und Monika Dambier-Blank gaben in bester „Schlappmaul“-Manier den Datterich und sein Lisettchen. Der Heimatverein enthüllte an der Zuckerstraße 6 eine Gedanktafel für den Darmstädter Schriftsteller Ernst Elias Niebergall.

Dieburg - Vor 200 Jahren wurde Ernst Elias Niebergall geboren. Zu Ehren des Darmstädter Schriftstellers enthüllte der Heimatverein eine Gedenktafel am ehemaligen Gasthaus „Zum Goldenen Engel“. Von Eva-Maria Lill 

Auch der „Datterich“ durfte an der Zuckerstraße 6 nicht fehlen: Karl-Heinz Braun und Monika Dambier-Blank unterhielten mit Szenen aus der Lokalposse. Kein Durchkommen auf der Zuckerstraße. Etwa 100 Menschen drängen dicht an dicht. „Was’n hier los?“, flüstert es reihum. Ganz einfach: Der Ruf des poetischen Lokalpatriotismus klingt lauter als gedacht. Und Dieburg antwortet. Viele wollen dabei sein, als an der Fassade von Hausnummer sechs das blaue Kulturdenkmal-Schild enthüllt wird. Eine Tafel zu Ehren Ernst Elias Niebergalls. Bestens bekannt als lokalkolorierter „Datterich“-Dramatiker und Lieblingsschlappmaul der Darmstädter.

Am 13. Januar jährte sich sein Geburtstag zum 200. Mal. Grund genug für den Heimatverein Dieburg, eine kleine Feier zu veranstalten. Wie es sich für eine waschechte Geburtstagsfete gehört, fließt der Wein in Strömen. Das hätte dem Datterich und seinem „versteckte Dorscht“ sicherlich gefallen. Für Unterhaltung sorgen Karlheinz Braun und Monika Dambier-Blank, die einige Szenen aus der Komödie im Hinterhof aufführen. Maria Bauer, Vorsitzende des Heimatvereins, enthüllt gemeinsam mit Hausbesitzer Erhard Mohr das Schild in Gedenken an Niebergall.

Kind eines Hofmusikers

Der Schriftsteller wurde am 13. Januar 1815 als jüngstes Kind eines Hofmusikers in Darmstadt geboren. Von 1832 bis 1835 studierte er Theologie an der Universität Gießen. Danach verschlug es ihn nach Dieburg. Fünf Jahre unterrichtete er die Kinder des Forstamtmeisters Reitz und anderen evangelischen Nachwuchs. Frei nach seinem Motto: „Allhier erzieht man die Jugend, zu Gottesfurcht und Tugend, zerbläuet auch den Hintern, den widerspenz’gen Kindern.“

Erholung vom Hauslehrer-Stress fand Niebergall im Gasthaus „Zum Goldenen Engel“ in der Zuckerstraße. Im heutigen Reformhaus frönte er dem guten Wein und wartete auf die Musen. 1837 erschien sein erstes Drama „Des Burschen Heimkehr oder: Der tolle Hund“. Darin lobt der Schriftsteller den Engel-Wirt Johannes Blenz: „Des wor e ordentlicher Mann un hot die best Worscht in ganz Dibborg gemacht.“ Niebergalls berühmtestes Werk ist der 1841 erschienene „Datterich“, ein Schauspiel im schnottrigen Zungenschlag seiner Heimatstadt. Die Uraufführung erlebte der Schriftsteller nicht mehr: Sie fand erst 1862 in Bessungen statt, Niebergall verstarb bereits 1843 in Darmstadt.

Inspiriert bei Nachtwächter-Rundgängen

Im vergangenen Jahr inspirierte das Wirken der Lokalberühmtheit den Heimatverein bei seinen Nachtwächter-Rundgängen, ein paar kurze Schauspieleinlagen inklusive. Auch bei der Geburtstagsfeier gibt es unterhaltsame Ausschnitte aus dem „Datterich“ zu bewundern.

Mit breitem Dialekt umgarnt Karlheinz Braun das schlagfertige Lisettchen (Monika Dambier-Blank), sein „Herzgeboppeltes“ und „Frühlingsreesche.“ Ein Satz Heimatkunde, ein Vers Stadtidentität: Auch nach 174 Jahren ist das „Datterich“-Dialektgefecht Aushängeschild des südhessischen Humors. Ein paar Stimmen sprechen sogar mit, als Braun donnernd rezitiert: „Ich waaß der nit, ich häb der heit schunn de gonze Doach sou en versteckte Dorscht.“

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