Hessische Geschichte auf der Durchreise

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Ins Schwärmen kommen Hubert Alles (v. l.), Gerd Grein sowie Dr. Brigitte Kull bei diesem Dachreiter aus früheren Zeiten.

Dieburg - Im alten Amtsgericht in Dieburg ist es sehr ruhig. In einem Regal stehen Metalldöschen, Medizinflaschen und anderes Drogeriezubehör aus alten Zeiten. In einem anderen Raum lehnt eine alte Schautafel an der Wand, halb verdeckt von Kartons und allerlei Gegenständen. Von Stephanie Stiefler

Die Tafel erklärt dem Besucher den Unterschied zwischen Marburger und Mardorfer Tracht.

Doch leider sind Besucher hier eine Seltenheit und die Trachten, die einst im Bandhaus auf der Veste Otzberg für die Museumsbesucher einen Teil der hessischen Geschichte lebendig werden ließen, lagern jetzt in temperierten Räumen. Vorher wurden die Trachten sorgfältig fotografiert, beschrieben und in säurefreie Kartons verpackt, damit sie nicht unter Umwelteinflüssen leiden. Die Schaumstoffpuppen, die einst die Alltags- und Sonntagstrachten präsentieren durften, stehen – nun ebenfalls verpackt und an eine Terrakotta-Armee erinnernd – im Raum und warten auf das, was kommt.

Lebenswerk der Sammler

Die Besucher, die heute all dies mit wehmütigen Augen betrachten, sind Gerd Grein und Hubert Alles. Die beiden Herren haben jahrzehntelang hessische Gegenstände aus früherer Zeit fachkundig gesammelt. Daraus wurde die „Sammlung zur Volkskunde in Hessen“, die bis Sommer 2011 zumindest teilweise auf der Veste Otzberg dem Publikum zugänglich war. Damit das Lebenswerk der Sammler nach deren Tod nicht auseinander gerissen wird, haben sie diese vorausschauend dem Land Hessen geschenkt.

Wie eine Terrakotta-Armee sehen die verpackten Schaumstoffpuppen aus, die einst stolz die Trachten trugen und die Hubert Alles (l.) und Gerd Grein hier im Arm halten.

Das Land hat die Sammlung wiederum dem Freilichtmuseum Hessenpark (Neu-Anspach) treuhänderisch übergeben. Da dort zunächst noch ein weiteres Magazingebäude errichtet werden muss, in welchem die Schenkung später endgültig gelagert werden soll, verweilt die sehr umfangreiche Sammlung nun vorläufig in Dieburg – und zwar im alten Amtsgericht in der Marienstraße, welches vom Hessischen Immobilienmanagement zur Verfügung gestellt wurde.

Wissenschaftliche Inventarisierung

Nach zirka sechs Jahren Leerstand wird das 1903 bis 1905 erbaute, imposante Jugendstilgebäude gegenüber Gnadenkapelle und Haftanstalt also seit Sommer 2011 wieder genutzt – von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt. Aber die Sammlung, die schwerpunktmäßig aus Trachten sowie Töpferwaren, aber auch aus jeder Menge Alltagsobjekten aus früheren Zeiten besteht, wartet in Dieburg nicht nur auf den Weitertransport in das Freilichtmuseum Hessenpark. Vielmehr erfolgt hier die wissenschaftliche Inventarisierung des gesamten Konvoluts, eine wichtige, aber unspektakuläre Hintergrundarbeit, die Fachkräfte wie zum Beispiel freiberuflich tätige Historiker und Kulturwissenschaftler des Hessischen Museumsverbandes leisten.

Geleitet wird dieses Großprojekt des Freilichtmuseums Hessenpark von Volkskundler Dr. Axel Lindloff, der schon seit Jahren in Kontakt mit den Herren Grein und Alles steht. Seit Herbst 2011 ist die Kulturwissenschaftlerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin des Hessenparks, Dr. Brigitte Kull, hier in Dieburg mit der Inventarisierung beschäftigt. Begeistert ist sie von Umfang und Inhalt der Sammlung „Die Schenkung ist für den Hessenpark ein großer Gewinn“, sagt sie strahlend. Besonders erfreut ist die Historikerin über die Zusammenarbeit mit Gerd Grein und Hubert Alles. „Die Herren Grein und Alles haben uns neben der Sammlung auch eine kleine Bibliothek mit Fachliteratur sowie eigene Dokumentationen übergeben, was sehr hilfreich ist. Der größte Schatz aber ist das Wissen der beiden Sammler“, betont sie.

Alles hat eine Geschichte

Alle Drei kommen beim Rundgang durch das große Gebäude ins Schwärmen. Stundenlang könnten sie zu den Objekten passende Geschichten erzählen und Fakten nennen. Seien es Dachreiter und –ziegel, Gegenstände aus der Schuhmacher-, Bäcker oder Metzgerwerkstatt oder landwirtschaftliche Gerätschaften – alles hat eine Geschichte und die gilt es festzuhalten und so zum Beispiel für wissenschaftliche Recherchen zugänglich zu machen. An etlichen Gegenständen sind kleine Schilder zu erkennen, diese sind schon inventarisiert, also nummeriert, fotografiert, beschrieben und nach Möglichkeit datiert. Wie zum Beispiel der große Schaumlöffel, der in früheren Zeiten beim Wurstmachen benötigt wurde. Oder der farbenfroh bemalte Rechen, den Hubert Alles in Händen hält. „Der stammt aus dem Oberen Vogelsberg und wurde nur am ersten Tag der Heuernte genutzt. Das war ein besonderes Ereignis“ erläutert er. Dabei ist ihm die Begeisterung über dieses geschichtsträchtige Objekt anzumerken.

Diese Drogerieartikel wurden bereits inventarisiert.

Aber es gibt auch jede Menge Gegenstände, die noch darauf warten, wieder entdeckt zu werden. Sie lagern in Kisten oder in Regalen, müssen teilweise erst gesäubert und von Holzwurm oder anderen Schädlingen befreit werden. Erst dann beginnt die Inventarisierung der Alltagsobjekte, deren Wert vor allem in den kulturgeschichtlichen Informationen liegt. „Diese Arbeit wird noch mehr als zwei Jahre in Anspruch nehmen“ so die Vermutung von Dr. Brigitte Kull. Dabei fällt ihr ein: „Wir suchen noch ein oder zwei interessierte Helfer, die uns ehrenamtlich helfen möchten, Inventarschildchen in Textilien einzunähen. Vielleicht findet sich da jemand aus Dieburg, solange die Sammlung hier ist.“

Helfer gesucht

Gerd Grein und Hubert Alles sehen dem Ende der Arbeiten in Dieburg und dem Umzug der Sammlung in die Magazingebäude des Hessenparks mit Wehmut entgegen. „Die meisten unserer Stücke werden eingelagert und sind dem Publikum somit nicht zugänglich. Das ist schade! Aber für wissenschaftliche Forschungen oder thematische Ausstellungen im Freilichtmuseum Hessenpark stehen sie dann zur Verfügung und das tröstet uns“, so die beiden Sammler.

Die Dieburger „Außenstelle“ des Freilichtmuseums Hessenparks sucht ein oder zwei Helfer für kleinere Näharbeiten, die ehrenamtlich im alten Amtsgericht zu erledigen sind. Bei Interesse kann man sich unter 06071 823641 melden.

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