Lebenshilfe Dieburg assistiert dabei

Inklusive WG: Wunschtraum ist Realität

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Bilden die erste inklusive WG weit und breit: Johannes Rowe (hinten l.), Heiko Herzog, Tara Starcke (vorn l.) und Karola Kern.

Dieburg/Groß-Umstadt - In Groß-Umstadt bilden zwei junge Frauen ohne und zwei junge Männer mit Behinderung die erste inklusive Wohngemeinschaft weit und breit. Die Lebenshilfe Dieburg unterstützt das ungewöhnliche Projekt. Ivon Jens Dörr 

„Die Zeit ist reif für eine inklusive WG“: So betitelte unsere Zeitung im Dezember 2014 einen Artikel über die Lebenshilfe Dieburg (Verein für Menschen mit Behinderungen mit dem östlichen Landkreis Darmstadt-Dieburg sowie Rodgau und Rödermark als Einzugsbereich), die in der Region die erste Wohngemeinschaft (WG) von Menschen mit und ohne Behinderung realisieren wollte. Ursprung war die entsprechende Nachfrage mehrerer, von der Lebenshilfe mit ihren Angeboten begleiteter Familien, in denen Menschen mit Behinderungen leben. Anderthalb Jahre später ist das deutschlandweit bislang sehr seltene Vorhaben wahr geworden: Seit Mai wohnen die von der Lebenshilfe betreuten Johannes Rowe (23, Mosbach) und Heiko Herzog (22, Schlierbach) in einem Haus in der Groß-Umstädter Entengasse mit Karola Kern (24, Raibach) und der aus dem Raum Darmstadt stammenden Tara Starcke (23) zusammen. Ein halbes Jahr lang hat sich das Quartett inzwischen eingelebt – und unserer Zeitung nach der Startphase einen Einblick in die einzige inklusive WG nicht miteinander verwandter Menschen mit und ohne Behinderung im Landkreis (und darüber hinaus) gewährt.

Vier WG-Zimmer, zwei Bäder, ein Esszimmer, eine Küche und eine Wohndiele hat das zweigeschossige Haus in Steinwurf-Weite zum Groß-Umstädter Marktplatz – verteilt auf mehr als 100 Quadratmeter Wohnfläche. Im Erdgeschoss, wo auch eins der Bäder sowie Küche und Esszimmer zu finden sind, hat Kern ihr Zimmer. Starcke, Rowe und Herzog wohnen im ersten Stock. Beim Besuch unserer Zeitung präsentieren sie picobello aufgeräumte Zimmer – die nicht nur so vorbildlich aussehen, weil die Presse ihre Nase in die Räume steckt. Heilerziehungspfleger Markus Zimmermann und Sozialpädagogin Anka Dolch, zwei Fachkräfte der Lebenshilfe, unterstützen Rowe und Herzog montags bis freitags stundenweise bei der Haushaltsführung (am Wochenende sind beide bei ihren Familien). Einiges können sie selbst erledigen, bei anderem helfen ihnen ihre im Studien- und Berufsleben stehenden Mitbewohnerinnen.

„Die waren von Anfang an sehr nett“

„Die waren von Anfang an sehr nett“, erzählt Herzog, und auch Rowe macht aus seinem Herzen keine Mördergrube: „Ich mag die beiden.“ Zimmermann berichtet, „dass es für Johannes von Anfang an klar war, dass er mit Menschen ohne Behinderung zusammenleben wollte“. Die Regel ist – auch bei Volljährigen mit leichteren Handicaps – bisher eine andere: der Verbleib in der Familie oder die Unterbringung in einer Wohnanlage beziehungsweise einer Wohngruppe für Menschen mit Behinderung. Was aber nicht alle so vorzögen, wie Christine Ortwein-Kartmann, Geschäftsleiterin der Lebenshilfe, erläutert: „Es gibt bei uns noch weitere Interessenten für eine inklusive WG.“ Für etwa ein Dutzend Personen meldeten Angehörige bei der Lebenshilfe bisher Interesse an.

Rowe und Herzog dürfen den Traum vom noch gar nicht so alltäglichen Alltag bereits leben. Seit dem Start der WG hat es weder einer der zwei jungen Männer noch eine der beiden jungen Frauen bereut, in der Entengasse eingezogen zu sein. Die Immobilie gehöre einem Mitglied der Lebenshilfe, sagt Ortwein-Kartmann und verrät, dass die Suche nach geeignetem WG-Raum eine der höchsten Hürden bei der Umsetzung gewesen sei. Zumal man sich ob der Infrastruktur und Verkehrsanbindung bei der Suche vor allem auf Dieburg, Babenhausen und Groß-Umstadt konzentriert habe. „Dass Bus und Bahn in der Nähe sind, war eine der Voraussetzungen“, so die Geschäftsführerin. Die Lebenshilfe tritt als Mieter des Hauses auf, alle WG-Bewohner als Untermieter.

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„In Darmstadt-Dieburg ist das einzigartig“, skizziert Ortwein-Kartmann noch einmal den Seltenheitswert, den die inklusive WG besitzt. Während einer langen Vorbereitungsphase haben sich die jungen Leute vorab kennengelernt und Kern und Starcke führen die Art des Zusammenlebens weiter aus. Beide wurden zusätzlich von der Lebenshilfe in einigen Einheiten auf die WG vorbereitet, unterstützen Rowe und Herzog im Rahmen vergüteter Assistenzstunden etwa am Morgen beim Aufstehen und Fertigmachen für den Tag, aber auch bei Routinen am Abend. Einmal pro Woche wird zusammen gekocht, am Esstisch der Tag besprochen. Einmal wöchentlich tagt dort auch der „WG-Rat“. In ihrer Freizeit machen die vier Twens immer wieder einiges gemeinsam, gehen auf den Flohmarkt oder auch mal in die Kneipe.

Für die Lebenshilfe unterstützen Zimmermann und Dolch die beiden jungen Männer bei der Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft, beim Putzen, Kochen und Einkaufen, bei Geldangelegenheiten und beim Umgang mit Behörden. Ein Unterfangen, das bislang ziemlich reibungslos flutscht, wie alle Beteiligten versichern. Markus Zimmermann betont für die Lebenshilfe nach den ersten Erfahrungen erst recht: „Wir sind überzeugt vom inklusiven Wohnen.“

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