Interview mit Caro Gräff

„Integrieren kann man nur zusammen“

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Ist auch bei ihrer Arbeit als Paten-Koordinatorin stets mit einem Lächeln im Gesicht unterwegs: Caro Gräff. Flüchtlinge geben viel Dankbarkeit zurück, ist ihre Erfahrung.

Dieburg - Caro Gräff vom Asylkreis kümmert sich seit einem Jahr um die Flüchtlingspaten in Dieburg. Über einen ehrlichen Zwischenstand, die großen und kleinen Erfolge aber auch über Schwierigkeiten auf ihrem Weg, hat sie mit Konstanze Löw vom DA gesprochen.

Frau Gräff, wie sind Sie zum Asylkreis gekommen und was ist ihre Aufgabe?

Ich bin seit letztem Sommer beim Asylkreis. Ich wollte mit anpacken und das Leid nicht mehr bloß angucken. Dann haben wir ein Patenprojekt ins Leben gerufen, für das ich die Organisation übernommen habe. Unter den Bewerbern schaue ich, zu welchem Flüchtling er passt – das hat immer supertoll geklappt.

Wie kann eine Patenschaft aussehen?

Ganz unterschiedlich! Man kann sich nur auf Hausaufgabenbetreuung konzentrieren, oder die Betreuung einen Erwachsenen oder Jugendlichen übernehmen und ihm im Alltag helfen. Viele wollen zusammen mit anderen Paten eine ganze Familien betreuen. In solchen Fällen gibt es einen Ober-Paten, der alle Aufgaben verteilt. Das ist wichtig, damit keiner überlastet wird.

Wie viele Paten sind bereits im Einsatz?

Viele haben sich im vergangen Jahr gemeldet, und alle wurden untergebracht. Derzeit sind 20 Paten für 50 Flüchtlinge zuständig. Insgesamt leben 160 Flüchtlinge in Dieburg. Noch weitere 20 Paten wären großartig. Es ist ganz einfach, man muss nur ein bisschen Mut aufbringen.

Was können Sie Interessierten, denen es etwas an Mut mangelt, mit auf den Weg geben?

Vor allem, dass keiner ein Allein-Pionier ist. Es gibt zum Beispiel eine Liste, da sind alle Telefonnummern und Paten drauf, wir alle sind untereinander vernetzt. Wir tauschen uns aus, springen füreinander ein und geben Tipps. Außerdem gibt es Patentreffen mit einer Supervisorin, die hilft, Flüchtlinge und ihre Kultur zu verstehen.

Wie wird die Unterstützung von den Flüchtlingen angenommen?

Gerade vor ein paar Tagen haben wir eine Anfrage vom Hausmeister von einer Mutter aus dem Haus Hubertus bekommen. Dort erhält der Sohn von einem Paten Hausaufgabenhilfe und sie hätte auch gerne jemanden der sich nur um sie kümmert. Das Angebot ist sehr beliebt bei den Flüchtlingen und sie sind sehr dankbar.

Das hört sich alles sehr positiv an. Gibt es auch Schwierigkeiten?

Man merkt oft, dass für die Flüchtlinge Deutschland wie ein anderer Planet ist. Das Einfinden und Ankommen fällt vielen schwer. Noch dazu wird es erschwert, dass selbst die Gesten in den arabischen Ländern vollkommen anders als bei uns sind. Einer Frau wird dort die Hand nicht gegeben. Das kann die Kommunikation erschweren.

Haben einige Flüchtlinge schon kulturelle Hürden abgelegt?

Ich glaube, das Ablegen ist generell sehr schwierig. Wir organisieren fünf Mal pro Woche einen Deutschkurs für Frauen im Haus Hubertus. Da wissen die Männer jetzt, dass sie ihre Frauen dort gut hingehen lassen können, dass sie in Sicherheit sind. Den Flüchtlingen zu vermitteln, dass sie hier keine Angst haben müssen, ist auch eine Aufgabe der Paten. Wir haben letzte Woche bei einem Treffen einen Satz gefunden, der genau zutrifft: Integrieren kann man nur zusammen. Es kann kein Deutscher erwarten, dass die Flüchtlinge ihre Kultur von sich schmeißen und sich auf einmal wie Deutsche benehmen.

Die Stichworte Integration und Mut sind schon gefallen. Was sollten Paten außerdem können?

Das Schöne ist: Man muss gar nichts können, man darf einfach nur man selbst sein. Man braucht keine Anzahl an Stunden. Keiner muss fünf Stunden in der Woche investieren – es reicht auch schon eine aus.

Wie ist die Alterstruktur unter den Paten?

Wir haben eine Patin, die ist 17 Jahre alt und macht es mit ihrer Mama zusammen. Und wir haben Berufstätige, aber auch Omas und Opas. Also einmal komplett durch die Bevölkerung. Jedes Alter hilft und jedes Alter hat etwas anderes zu bieten.

Gibt es bisher schon Erfolgserlebnisse?

Erfolgserlebnisse sind immer, dass die Leute anfangen, uns zu vertrauen. Und Dinge zu tun, die sie sonst sich nicht getraut hätten zu tun. Zum Beispiel, dass Eltern ihre Töchter mit in den Schwimmunterricht geben, oder dass sie mit auf Klassenfahrt mitfahren dürfen. Also generell gesprochen, dass sie ihre Kinder ein Stück in die Freiheit entlassen. Das ist immer der Verdienst von den Paten.

Was lieben Sie an Ihrem Job am meisten?

Diese Menschen entschleunigen, sie lassen einen wieder die wichtigen Dinge des Lebens sehen: dass wir unglaubliche Sicherheit haben, dass es uns gut geht, dass wir von allen Seiten mit Liebe umhüllt sind. Wir vergessen vor lauter Hektik, was wir haben. Die Flüchtlinge sind so dankbar. Man kann eine tolle Entwicklung bei allen sehen, dass macht einfach Spaß.

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