Von der Flucht ins Märchen an der Goetheschule

Intensivklasse probt „Das Tapfere Schneiderlein“

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Marija Magdalena (Mitte) spielt bei der Intensivklassen-Aufführung von „Das Tapfere Schneiderlein“ die Königin.

Dieburg - Es sind neun junge Flüchtlinge, die wegen Krieg und Verfolgung ihre Heimat verlassen haben, und jetzt auf der Bühne der Goetheschule-Aula stehen. Die Schauspielerei hilft ihnen nicht nur beim Deutschlernen, sondern auch, Erlebtes zu verarbeiten. Von Eva-Maria Lill 

Sieben auf einen Streich: Das ist eine beachtliche Leistung für Schneiderlein Ivanna aus Kroatien. Mit breitem Grinsen und ihrer Gesellin im Schlepptau, zieht sie aus, um einen schrecklichen Riesen besiegen. So weit, so bekannt: „Das Tapfere Schneiderlein“ der Gebrüder Grimm zählt zu den beliebtesten Hausmärchen. Der Clou: Auf der Aula-Bühne der Goetheschule stehen keine professionellen Akteure, sondern Schüler der Intensivklasse A. Jeden Mittwoch proben sie im Fach „Darstellendes Spiel“ ihre Bühnenfertigkeit. Es sind neun jugendliche Flüchtlinge, die mit deutschem Märchengut ihre Sprachkenntnisse verbessern und ganz nebenbei Schauspielluft schnuppern.

Lehrer Till Wedel ruft letzte Anweisungen, der Vorhang geht auf. „Es ist schon bemerkenswert, wie einige Schüler aus sich herausgehen. Am Anfang waren sie sehr schüchtern, haben sich versteckt.“ Das Theaterspielen soll nicht nur Hemmungen abbauen, auch der aktive Wortschatz wird gefördert. „Zunächst haben wir den Text mit verteilen Rollen gelesen und alle unklaren Vokabeln besprochen. Allzu Schwieriges streichen wir“, erläutert Wedel.

Die Jugendlichen zwischen 13 und 16 Jahren lernen seit etwa neun Monaten Deutsch. Die Intensivklasse A ist die leistungsstärkste von drei Lerngruppen, einige Jugendliche werden ab dem Sommer den regulären Unterricht besuchen. Intensivklassen für Flüchtlinge gibt es in Dieburg seit 2007, im aktuellen Schuljahr werden mehr als 40 Schüler unterrichtet. Das Fach „Darstellendes Spiel“ unter Leitung von Wedel steht seit einem halben Jahr auf dem Lehrplan.

Menschen aus anderen Ländern kennenlernen

Schneidergesellin Failin ist bereits seit vier Jahren in Dieburg, seit zwei Wochen in der Intensivklasse. Sie freut sich auf jede Probe: „Das Theater macht sehr viel Spaß und hilft, besser Deutsch zu lernen. Auch der Unterricht bringt mir echt viel. Und es ist spannend, so viele Leute aus anderen Ländern kennenzulernen.“

Länger dabei ist Königin Marija Magdalena, sie stand bereits im vergangenen Halbjahr auf der Aula-Bühne. „Als erstes hatte ich große Angst, aber das Publikum hat so laut applaudiert, dass wir wenig später noch einmal aufgeführt haben“, erinnert sich die 16-Jährige. Auch damals spielte die Gruppe „Das Tapfere Schneiderlein“, allerdings in anderer Besetzung.

„Das Schwierige in den Intensivklassen ist unter anderem, dass auch während des Schuljahres ständig neue Gesichter auftauchen. Je nachdem, wann die Jugendlichen eben nach Deutschland kommen“, erläutert Wedel. Er unterrichtet die Intensivklasse in Deutsch, Spanisch und Sport. Die Aufführung von „Das Tapfere Schneiderlein“ soll gegen Ende des Schuljahres erfolgen – vor einigen Klassen. Je nachdem, wie viele die Gruppe zulassen möchte. „Es gehört eine Menge Mut dazu, vor vielen anderen Menschen in einer anderen Sprache Theater aufzuführen“, weiß Wedel. Aber nach nicht mal einem Jahr Deutschunterricht machen die Sprachschneiderlein auf der Bühne bereits eine gute Figur.

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