Zehn Jahre Stadtoberhaupt in Dieburg

Interview mit Bürgermeister Dr. Werner Thomas

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Mit dem „Landrad“ auf dem Weg zum „Landrat“: Aus diesem Etappenziel wurde nichts.

Dieburg - Er liebt die Veränderung bevor es zur Versteinerung kommt: Als Denkmal auf dem Dalles zu stehen, ist ihm eine grausliche Vorstellung. Und als Fastnachter möchte er den Bajazz dort eh nicht verdrängen. Heute feiert Bürgermeister Dr. Werner Thomas im Rathaus sein zehnjähriges Amtsjubiläum.

Thomas ist immer wieder für eine Überraschung gut: 2005 hat er als parteiloser Kandidat mit 35 Stimmen Vorsprung dem langjährigen Amtsinhaber Peter Christ (CDU) den Sessel weggezogen. Sechs Jahre später holte er über 70 Prozent der Stimmen – und zwar im ersten Wahlgang bei zwei Gegenkandidaten. In diesem Frühjahr trat er als Landratskandidat an und zwar für die CDU, in die er einige Monate später eingetreten ist. Was kommt jetzt noch? Über seine Zukunftspläne, aber auch über Erreichtes und Unerreichtes in seiner Amtszeit hat sich DA-Redakteurin Lisa Hager mit dem 62-Jährigen Familienvater – drei Kinder, vier Enkel – unterhalten. Eines allerdings kommt bestimmt nicht: eine dritte Amtszeit. Thomas sagt dem Rathaus in zwei Jahren Adieu.

Sie haben immer wieder nach einigen Jahren die berufliche Veränderung gesucht. Wie zieht sich das durch ihr Leben?

Als ich nach fünf Jahren als Lehrer an der Justus-Liebig-Schule in Darmstadt die Schule Richtung LGG verlassen habe, sagte man mir zum Abschied: Der Thomas ist eine Institution geworden. Da wusste ich, dass meine Entscheidung richtig war. Und möchte es so formulieren: Ich bin nicht gerne weggegangen, aber immer gerne woanders hingegangen. Und das selbe Gefühl hatte ich wieder, als ich in Dieburg von mehreren Persönlichkeiten aufgefordert wurde, doch als Bürgermeister zu kandidieren. Bei der Bitte der CDU, mich als Landratskandidat zur Verfügung zu stellen, war es dann wieder ähnlich. Allerdings weniger erfolgreich (lacht). Aber das ist in Ordnung so. Ich bin sehr gerne jetzt noch zwei Jahre Bürgermeister.

Was kommt danach? Werden Sie studieren, reisen, privat sein? Oder werden Sie später mal auf der CDU-Liste für die Stadtverordnetenversammlung kandidieren?

Ich habe immer klar gesagt, dass eine dritte Amtszeit für mich nicht in Frage kommt. Privat möchte ich viel wandern und radfahren - durchaus längere Strecken und auch Pilgerwege. Wie vor zwei Jahren von Assissi nach Rom beispielsweise. Aber auch für den Kopf will ich etwas tun: als Gasthörer Theologievorlesungen besuchen beispielsweise. Keinesfalls werde ich auf einer Stadtverordnetenbank sitzen, nein, das kommt für mich nicht in Frage. Und ich werde dem nächsten Bürgermeister nur Ratschläge erteilen, wenn ich gefragt werde.

Welche großen Brocken haben Sie in den zehn Jahren – mal bildlich gesprochen – die Moret hochgerollt? Waren da auch Sisyphus-Arbeiten dabei?

Ich habe mir bei meinem Amtsantritt bewusst wenige Dinge, aber dafür ganz fest vorgenommen – und die habe ich geschafft. Das war die Regulierung des Bahnübergangs, der Park&Ride-Platz am Sauerkreisel, der Bau einer Stadthalle und die Ansiedlung eines Lebensmittelmarkts für die Innenstadt.

Wie haben Sie es geschafft, wieder Bewegung in die festgefahrenen Grundstücksverhandlungen zu bringen? Beispielsweise wollte ja auf dem Römerhallengelände bis zum Schluss eine Familie partout nicht verkaufen?

Ich glaube, das liegt schon an meinem Gesprächsstil. Viele sagten mir in Dieburg ganz erstaunt am Anfang: ,Mit Ihnen kann man ja ganz normal reden!´. Da hat mir auch geholfen, dass ich meist mit dem Rad unterwegs war. Da wurde ich oft angehalten nach dem Motto: ,Wenn ich Sie grade treffe...!’ Auch mit den Besitzern des letzten Hauses auf dem Gelände habe ich geredet und wir haben eine Lösung gefunden.

Ihr persönlicher Kommunikationsstil hat sich ja auch in der Schaffung der Ansprech-Bar im Rathaus ausgedrückt. Mit welchen Problemen kamen und kommen da die Bürger zu Ihnen?

Mit allen. Manchmal komme ich mir schon wie eine Art Seelsorger vor. Aber es macht mich froh, dass ich Menschen helfen kann, indem ich zuhöre. Das sagen sie mir auch oft. Und es erinnert mich wieder an meine Zeit als Lehrer und Schulleiter. Da schließt sich der Kreis.

Nicht immer gab es nur Lob für die Dinge, die Sie auf den Weg gebracht haben. Haben Sie mit diesem Sturm gerechnet, der Ihnen aus dem Dieburger Dreieck entgegen geblasen ist?

Nein. Das hat mich überrascht. Vor allem die Polemik, mit der gearbeitet wurde. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass es richtig war, erst an die Öffentlichkeit zugehen, als Fiege fest hinter dem Projekt stand. Inzwischen ist es so, dass gar keiner mehr von dem angeblichen Monsterbau spricht, keine Rede mehr von dem Lkw-Aufkommen ist. Wäre die Ansiedlung von Fiege wegen zu früher Diskussion in der Öffentlichkeit gescheitert, hätte man mich auch kritisiert. Frei nach dem Motto: Wenn ich über den Wolfgangssee laufe, sagen sie mir nach, dass ich nicht schwimmen kann. Es ist doch so: Wenn etwas schief läuft, vergisst’s keiner, wenn’s gut geht, merkt’s keiner.

Sie sind ein wertkonservativer Familienmensch, aktiver Katholik und stehen regelmäßig auf der Fastnachtsbühne. Verkörpern Sie so etwas wie die Dieburger Kollektivseele?

(Lacht) Diese Kollektivseele wie vor 50 Jahren gibt es nicht mehr. Aber natürlich gehört die Fastnacht oder die Wallfahrt zu Dieburg – das ist unsere Corporate Identity, würde man heute sagen. Das wird auch von Neubürgern geschätzt, die damit eigentlich aktiv nichts am Hut haben. Neulich hat mir beispielsweise eine Zugezogene geschrieben, wie wohl sie sich hier fühlt – nur die vielen Hundehaufen stören sie.

Apropos Neubürger: Welche Wachstumschancen hat die Stadt denn überhaupt noch nach dem letzten großen Baugebiet am Campus?

Wir könnten ziemlich schnell weitere zehn Hektar Baugebiet im Westen zur arrondierung ausweisen. Im Frühjahr letzten Jahres habe ich über eine Magistratsvorlage einen Vorstoß gemacht. Der wurde im Parlament abgelehnt. Warum weiß ich nicht. Ansonsten erreichen uns fast täglich Anfragen von Bauwilligen. Eine Nachfrage, die wir nicht befriedigen können.

Wie sieht es denn südlich der K128 aus? Da könnte doch – zumindeste teilweise – auch Wohnbebauung entstehen?

Ich halte das Gebiet im Süden so nahe an der B 26 für kein ideales Wohngebiet. Da sollte Gewerbe hin und die K 128 sollten wir – verbunden mit einem Lärmschutzgürtel – da lassen, wo sie jetzt ist. Ich bin gegen eine Verschwenkung.

Sie haben ja nach Süden und nach Norden Ihre Fühler ausgestreckt. Interkommunale Zusammenarbeit hat sich in Ihrer Amtszeit beispielsweise auf dem Gebiet der Standesämter entwickelt. Und mit Groß-Zimmern gibt es einen gemeinsamen Bäderbetrieb.

Und selbst eine Schlauchwaschanlage verwenden wir künftig mit beiden Feuerwehren gemeinsam. Aber ich kann mir noch vielmehr vorstellen, bevor eine Direktive von oben solche Kooperationen verfügt. Zusammenarbeit über die kommunalen Grenzen hinaus bietet sich aus Kostengründen einfach auf vielen Gebieten an. Das könnte sogar ein gemeinsames Sportzentrum mit Münster sein oder eine eigene Stadtbuslinie für alle drei Kommunen. Viele ist möglich, aber nur wenn man auch die Scheuklappen weglässt.

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