Flüchtlinge sind im Kapuzinerkloster eingezogen

„Jeder hat die gleiche Sehnsucht“

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Mit einem beherzten Schnitt in die Torte sorgt Generalvikar Dietmar Giebelmann, beobachtet von Josephshaus-Geschäftsführer Markus Pelz, für ein „Schlüsselerlebnis“.

Dieburg - Das Kapuzinerkloster wird zum Ort der Zuflucht für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Am Mittwoch wurden die ersten jungen Bewohner begrüßt. Elf Jugendliche im Alter von 15 und 16 Jahren sind bereits eingezogen, 15 Plätze stehen insgesamt zur Verfügung. Von Klaus Holdefehr 

Mit gepflegter Höflichkeit und in einem Fall hervorragenden Deutschkenntnissen beeindrucken die elf jungen Flüchtlinge, die jetzt in das Dieburger Kapuzinerkloster eingezogen sind, am Mittwoch die Besucher einer Begrüßungsfeier. Die unbegleiteten minderjährigen Ausländer (UMA) wohnen in einer Gruppe, die in Anlehnung an den „genius loci“ nach dem Ordensgründer „Wohngruppe Franziskus“ heißt.

Kein Zweifel: Hier weht der Geist des Katholizismus. Das aber geht einher mit einer tiefen, aus christlicher Ethik gespeisten Humanität, Anerkennung von Schutzbedürftigkeit und Respekt gegenüber anderem Glauben, denn die Gäste, die inzwischen amtlich „unbegleitete minderjährige Ausländer“ genannt werden, kommen aus Afghanistan und Syrien und sind, wenn denn religiös, Muslime.

Die Gäste sind Bruchteil einer stetig wachsenden Gruppe von Flüchtlingen, Minderjährigen, die ohne Eltern, ohne Familie nach Deutschland kommen. Allein der Landkreis Darmstadt-Dieburg hat jetzt 400 neue UMA zugewiesen bekommen und steht damit vor großen Problemen, denn die Betreuung erfolgt nicht nach Maßgaben des Flüchtlingswesens, sondern nach dem Jugendhilferecht, wie es auch für deutsche Jugendliche gilt, und ist damit so aufwändig, dass die Aufgaben für die Fachabteilung Familie und Soziales beim Landkreis sowohl personell als auch finanziell kaum noch zu stemmen sind.

Davon ist an diesem Begrüßungstag aber nur am Rande die Rede. Zunächst einmal geht es nämlich darum, die Neuankömmlinge als Gäste zu begrüßen und ihnen zu vermitteln, wie willkommen sie sind. Generalvikar Dietmar Giebelmann, der das Bistum Mainz als Eigentümer der Klosteranlage vertritt, tut dies auf eindrucksvolle Weise - vor symbolischem Hintergrund. In einer Nische des Refektoriums, das er „Kapelle“ nennt, hängt nicht nur ein Kreuz, sondern an der Wand lehnt auch ein Koran. Giebelmann sagt: „Ungeachtet der Konfession hat jeder die gleiche Sehnsucht.“

Die „Wohngruppe Franziskus“ wird von Mitarbeitern des katholischen Kinder- und Jugendhilfezentrums St. Josephshaus Klein-Zimmern betreut. „Uns verbindet seit vielen Jahren eine gute Zusammenarbeit“, sagt Otto Weber, Leiter der Abteilung Familie und Soziales beim Landkreis. Für die Jugendlichen seien Flucht und Entbehrung nun vorüber, sie seien an einem sicheren Ort angekommen.

Das Bistum hat den Klostertrakt eigens für solche Gruppenarbeit umbauen lassen und rund 100 000 Euro investiert. Das Haus bietet nun dreizehn bescheidene Einzel- und ein Doppelzimmer in den ehemaligen Mönchszellen sowie gemeinschaftlich zu nutzende Räume, das St. Josephshaus ist Mieter.

Auch Bürgermeister Dr. Werner Thomas begrüßt die neuen Bürger seiner Stadt mit einem herzlichen Willkommen. Er erinnert daran, dass er vor Jahresfrist aus einer Bürgermeister-Dienstversammlung heraus an Giebelmann den Satz gemailt hatte: „Jetzt sind wir als Christen gefragt.“ Den Jugendlichen fühle man sich nahe, „denn wir beten ja zum selben Gott“. Und man teile ja auch die Sehnsucht nach Frieden. Thomas erinnert mit Blick auf das bevorstehende Weihnachtsfest an die biblische Geschichte von Maria und Joseph, die ja auch Flüchtlinge gewesen seien und in Ägypten Asyl gefunden hätten.

Anstelle einer Schlüsselübergabe darf Giebelmann dann eine große Torte anschneiden, die mit einem Bild der Klosteranlage und Schlüsselsymbolen verziert ist.

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