Heimatverein bringt blaues Kulturschild am Haus Altstadt 10 an

Wo Johann Dörr Posthalter war

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Hinter dem Haus Altstadt 10, das einst Gaststätte und Postamt war, ist noch heute der Bereich mit den Zimmern für die Kutscher zu erkennen. Hinter dem kleinen Fenster oben rechts befand sich die Toilette für die Postillione. Sie mussten auf dem Weg in ihre Herberge durch die Gaststätte gehen.

Dieburg - Die „alte Posthalterei“ ist für den Heimatverein ein wichtiges Denkmal und der zweite Ort in der Stadt, an dem der Verein ein blaues Kulturschild mit einer Kurzbeschreibung angebracht hat. Von Jens Dörr 

Vielleicht sollte man diesen Weg in Zeiten etlicher Baustellen in Dieburg einfach wieder befahrbar machen: Wer in der Straße Altstadt vom Gefängnis aus kommend an der Bäckerei Mai vorbeiläuft, kann wenige Meter weiter rechterhand noch das Pflaster des einstigen „Lorenzgässchen“ erkennen. Es bildete früher eine Nord-Süd-Verbindung mit dem Minnefeld, stieß auf die Straße als Verlängerung der Strecke nach Darmstadt etwa dort, wo sich das einstige „Lamm“, eine längst geschlossene und jüngst abgerissene Gaststätte, befand. Das „Lorenzgässchen“ wiederum ist untrennbar verbunden mit dem derzeit unbewohnten Haus Altstadt 10. Auf dessen Geschichte und den Zusammenhang mit der Gasse weist nun ein blaues Kulturschild des Heimatvereins hin.

Dessen Vorsitzende Maria Bauer erschien am Samstagvormittag zum Pressetermin gemeinsam mit Edith Leng. Deren Tochter Genoveva Leng ist die Inhaberin des Sanitätshauses Klein, die die Geschäfte eines der größten Unternehmen der Dieburger Innenstadt gemeinsam mit ihrem Vater Klaus Leng führt. Man habe das Haus Altstadt 10 vor drei Jahren unter anderem deswegen gekauft, weil im Hinterhof Parkmöglichkeiten für mehrere Fahrzeuge des Betriebs bestünden, so Edith Leng. Die Sanierung der Immobilie selbst steht noch an. „Man hat uns gesagt, dass das ein Abenteuer ist“, sagte sie am Samstag ob des veralteten Zustands. Der historische Wert des Gebäudes sei ihr zunächst nicht bewusst gewesen.

Edith Leng (l.) und Maria Bauer (mit einem alten Plan aus dem Staatsarchiv, der den Namen „Lorenzgässchen“ nachweist) stellte das Kulturschild am Haus Altstadt 10 vor.

Erstmals erwähnt wurde das Anwesen im Jahr 1658. Damals war es ein Gasthaus, das den Namen „Zum Schwarzen Adler“ trug. Viel wichtiger noch für Dieburg: Mitte des 18. Jahrhunderts wurde eine kaiserliche Poststelle eingerichtet. Im Jahr 1797 ernannte die Thurn- und Taxis’sche Postverwaltung Johann Dörr zum Posthalter. Er betrieb nicht nur weiterhin eine Gaststätte im Haus an der Straße, sondern bot in einem Anbau weiter hinten auch Zimmer für die Kutscher an. Zudem parkten die Postkutschen im Hinterhof, wo sich auch die Pferde-ställe befanden. An ihrer Stelle stehen nun Garagen, in denen seit einiger Zeit Autos des Sanitätshauses untergestellt sind.

Der Laubengang, hinter dem sich die Räume für die Postillione befanden, existiert noch heute, ist gut zu sehen, wenn man durch das Hoftor hinter dem Haus tritt. Diese Gelegenheit wird sich in diesem Jahr auch den Teilnehmern der Nachtwächter-Rundgänge des Heimatvereins bieten, die eine ihrer beiden Theaterszenen in der Altstadt vorführen. Dabei wird es um eine Momentaufnahme aus dem Jahr 1815 gehen – der Zeit der französischen Eroberungskriege. „Da zogen in die Gaststätte auch viele Franzosen ein, die mords gezecht haben“, erläuterte Bauer, die viel Wissenswertes über das Thema aus dem Buch „Dieburg zur Franzosenzeit“ von Werner Straszewski erfahren hat.

Die „alte Posthalterei“ ist für den Dieburger Heimatverein unumstritten ein wichtiges Denkmal und der zweite Ort in der Stadt, an dem der Verein ein blaues Kulturschild mit einer Kurzbeschreibung angebracht hat. Diese Schilder des Vereins sind nicht mit jenen Infotafeln der Stadt, von denen es ungleich mehr gibt, zu verwechseln.

Stichwort Stadt: Dort lagen keine Pläne vor, die den alten Straßennamen „Lorenzgässchen“ dokumentierten. „Das ließ mir keine Ruhe“, sagte Bauer, die bei den Recherchen für die Spielszene „Die Plästerer (Pflasterer) von Dibborsch“ bei den Nachtwächter-Rundgängen 2015 auf den Namen „Lorenzgässchen“ gestoßen war und nach einem verlässlichen Nachweis für die Bezeichnung suchte. Heimatforscher und Vereins-Ehrenmitglied Hans Dörr fuhr schließlich nach Darmstadt ins Staatsarchiv und konnte dort alte Pläne einsehen. Dort war tatsächlich das „Lorenzgässchen“ vermerkt. Es wird spekuliert, dass die Gasse hinüber führte über die Marienstraße, die damals höchstens ein Feldweg gewesen sein dürfte. Die Verbindung zum Minnefeld ist nach Einschätzung des Heimatvereins aber naheliegend, da man in Höhe des einstigen „Lamms“ wieder auf Kopfstein-Pflaster treffe. Kutschen, die aus Richtung Münster oder Darmstadt kamen, konnten von dort aus gen Posthalterei einbiegen. Im 19. Jahrhundert handelte es sich dabei angesichts des viel kleineren Stadtgebiets damit praktisch um eine Art „Umgehungsstraße“.

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