Krankenhaus-Schließung: „Wurden dumm gehalten“

Belegarzt wirft Klinikum Darmstadt „Rosinenpickerei“ vor

Dieburg - Die Nachricht über die Schließung des St. Rochus Krankenhauses hat nicht nur bei den Bürgern wie eine Bombe eingeschlagen. Auch für die Belegschaft und die betroffenen Belegärzte kam sie trotz aller negativer Vorzeichen doch überraschend. Viele Fragen sind jetzt offen: Wie soll es jetzt beispielsweise mit den OPs weitergehen? Von Jens Dörr 

Chirurg Thomas Basting (rechts) und Pfarrer Angelo Stipinovich: Das Foto entstand bei einer der vielen Diskussionen zum Erhalt des St. Rochus Krankenhauses – sie waren vergeblich.

„Ja, ich bin auch dabei.“ Als der DA Sandra K. (Name geändert) am Donnerstag anruft, weiß diese sofort, was man von ihr wissen möchte. Seit mehr als 20 Jahren arbeitete K. in der Verwaltung des Krankenhauses, blieb dem Haus auch in Zeiten treu, in denen sich die Geschäftsführer die Klinke in die Hand gaben, von den Mitarbeitern Entgegenkommen bei Gehalt und Arbeitszeit verlangt wurde und sich das Bistum Mainz als einstiger Eigentümer (über eine Stiftung) durch den Verkauf von 90 Prozent der Anteile an das Klinikum Darmstadt aus der Verantwortung zog. Ob ein chronisch defizitäres, von einst 100 auf nun 50 Betten verkleinertes Haus, in dem bis zuletzt Jahr für Jahr ein kleiner bis mittlerer einstelliger Millionenbetrag mehr ausgegeben als eingenommen wurde, noch sanierungs- und überlebensfähig gewesen wäre, darüber streiten selbst die Fachleute. Die Gesundheitsversorgung in Dieburg und im ganzen Ostkreis wird mit der am Dienstag verkündeten, zum 30. Juni eintretenden Einstellung des Betriebs fraglos schlechter. Und nicht nur Sandra K. steht vor einer ungewissen Zukunft.

126 Mitarbeiter verdienten im St. Rochus, das besonders für sein Belegarzt-Modell mit ständiger Begleitung des Operateurs auch in der Versorgung nach stationären OPs sowie seiner liebevollen Pflege bekannt war, zuletzt ihr Geld. Rund zwei Drittel übernimmt das Klinikum in seine Darmstädter Häuser. 35 Personen, darunter K., erhielten in einer Mitarbeiterversammlung am Dienstag nicht nur die Info über die Schließung, sondern auch ihre Kündigung. „Das hat man genau so gemacht, dass es noch fristgerecht ist“, sagt K. Entgegen der Verlautbarungen des Klinikums wurde ihr nicht zu Ende August, sondern bereits Ende Mai gekündigt. Bis Ende des Jahres fängt die Dieburgerin eine Transfergesellschaft auf, die bei der letzten Entlassungswelle im St. Rochus relativ viele Mitarbeiter in neue Jobs vermitteln konnte.

Stationäre Operationen sollen nach dem 30. Juni jedoch passé sein. „Ich habe aber auch schon OP-Termine in Dieburg für den Juli ausgemacht“, sagt der Dieburger Chirurg, Unfallchirurg und Sportmediziner Dr. Thomas Basting, der unter dem Namen ZOC (Zentrum für Orthopädie und Chirurgie) die eingesessene Gemeinschaftspraxis mit Frank Pelka, Ingo Saliger und Bela Ziegler direkt neben dem St. Rochus betreibt und dort als Belegarzt operiert. „Die Termine soll nun bitte die Politik absagen. Wie soll ich das meinen Patienten erklären?“ Schließlich seien die Ärzte seiner Praxis – die mit ihren mehreren tausend Patienten und hunderten Operationen maßgeblich zur Auslastung des Rochus beitrugen – nie frühzeitig informiert oder in Entscheidungen eingebunden worden: „Wir wurden dumm gehalten.“

Medizin kurios: Bei diesen Patienten staunt sogar der Arzt

Nun gehe es darum, das Beste aus der Situation zu machen. „Die Dialyse bleibt unberührt, Röntgenabteilung und Ärztehaus bleiben auch erhalten“, ist sich Basting sicher. Für die stationären OPs müssen seine Kollegen und er künftig nach Darmstadt fahren, in den Häusern des Klinikums OP-Zeiten nutzen. Zuletzt war das bereits bei großen Prothetik-OPs der Fall. „Ohne die stationären OPs können wir aber nicht überleben“, so Basting. In Dieburg gelte es, nicht nur die Praxis zu halten, sondern möglichst alle ambulanten OPs durchzuführen. Ärger über ein vermeintlich abgekartetes Spiel des Klinikums bei der Übernahme des St. Rochus’ ist Basting trotz aller abmildernder Zukunftspläne trotzdem anzumerken: „Was für mich ganz klar ist: Das Klinikum wollte von Anfang an die stationären OPs haben, mit denen das Geld verdient wird. Das ist Rosinenpickerei.“

Pragmatisch klingt unterdessen der katholische Pfarrer Angelo Stipinovich, der den fast kompletten Verkauf des St. Rochus’ an das Klinikum für das Bistum Mainz maßgeblich mit ausgehandelt hat. „Die Schließung schmerzt – aber was wäre die Alternative? Was nicht geht, ist ein kleines Haus dauerhaft mit Geld am Leben zu halten. Alle Konzepte haben nicht zu genügend Patienten geführt. Es tut mir sehr leid. Aber wenn wir ehrlich bleiben, hat die wirtschaftliche Grundlage gefehlt.“

Das Klinikum Darmstadt teilte auf Nachfrage mit, die St. Rochus gGmbH bleibe vorerst bestehen. In ihr werde der Weaning-Geschäftsbetrieb, der nach Darmstadt umzieht, samt seiner Mitarbeiter erhalten. Bald könnte die gGmbH jedoch ersetzt werden. Klinikums-Sprecherin Eva Bredow-Cordier: „Die Überlegungen, wie wir das künftig gesellschaftsrechtlich regeln, sind in Bearbeitung.“

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