Beinprothese für Alen Hajdareric

Lebensmut aus Gips geformt

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Bei seinen ersten Gehversuchen mit der neuen Prothese wird Alen Hajdareric von den Orthopädietechnikern Julia Stanik und Martin Brehm beobachtet.

Dieburg - Vor fünf Jahren hat Alen Hajdareric sein linkes Bein bei einem Motorradunfall verloren. Dank großzügiger Unterstützer bekommt der Bosnier in Dieburg eine Prothese gefertigt. Wie aus Gips, Schrauben und Karbon neuer Lebensmut entsteht. Von Konstanze Löw 

Alen Hajdareric richtet sich auf, seine Hände umarmen die Holzstange. Klammern und Quetschen spiegeln die Angst, dass das Gerüst der einzige Halt ist. Doch nach sieben, acht Schritten hat sich der 34-Jährige an sein neues Bein gewöhnt. Es besteht aus Schrauben, Metall und jeder Menge Kunststoff. April 2011, Tuzla, Bosnien: Alen nutzt den lauen Nachmittag, um seinem Hobby nachzugehen. Er genießt die Zeit auf dem Motorrad, wenn der Fahrtwind alle Sorgen und Gedanken wegbläst. An einer Kreuzung Nahe der bosnischen Industriestadt prallt Alen mit einem Pkw zusammen, der ihm die Vorfahrt nimmt. Scherben, Sirenen, Blut – daran erinnert er sich heute noch. Alens Welt zerreißt.

Das Bein aus Fleisch und Blut endet seitdem eine Ellenlänge über dem Knie in einem runden Stumpf. „Mein Leben hat sich verändert, Alltag wird plötzlich zur Bewährungsprobe“, erklärt Alen über seinen Dolmetscher.

Fünf Jahre später in einem Behandlungzimmer des Sanitätshauses Klein in der Zuckerstraße, Erdgeschoss, zweite Tür rechts. Die Orthopädietechniker Julia Stanik und Martin Brehm tunken Gipsbänder in lauwarmes Wasser und verteilen die glitschige Masse auf dem Stumpf. In dem kleinen Raum ist es warm und eng, auch zwei Auszubildende wollen dabei sein, wenn Lebensmut aus Gips entsteht.

„Anspannen, lockerlassen“, gibt Brehm das Kommando. Edin Causevic übersetzt für Alen, dessen verbliebene Muskeln prompt auf die Anweisungen reagieren – der kleine Stumpf zuckt im Takt der Worte. Die weißen Gips-Fasern schmiegen sich an den kleinen Knüppel aus Haut und tiefen Narben, gehärtet dient der Abdruck als Grundlage für das neue Bein. „Mal schauen, wie weit wir mit dem ersten Versuch kommen. Je kürzer der Stumpf, desto kleiner ist die Fläche, an der später die Prothese halten kann“, gibt Brehm zu bedenken. Messchieber und ein genaues Maß von der Länge und Breite des Beins sollen zudem später helfen, die Prothese möglichst millimetergenau anzupassen. Denn der Gipsabruck sei immer etwas zu groß, genaue Maße daher enorm wichtig, weiß Brehm aus Erfahrung.

Die Sorgfalt und Gründlichkeit, mit der die Dieburger Orthopädietechniker ihrer Arbeit nachgehen, beeindrucken Alen. In seiner Heimat wurde für ihn zwar auch eine Prothese gefertigt, trotzdem waren – bis vor einigen Tagen – Krücken die ständigen Begleiter des zweifachen Familienvaters. Wunde Haut und Druckstellen spiegeln das Ergebnis ungenauer Arbeit und billigen Materials.

Dass Alen Dieburg mit einem Gliedmaß mehr verlassen wird, als er anreiste, hat er vor allem dem amputierten Kampfsportler Senaid Salkicevic zu verdanken. In Bosnien verliert er als Achtjähriger im Krieg sein rechtes Bein. Heute, 22 Jahre später, steht er in einer Trainingshalle in Aschaffenburg, die sich Arena nennt, im Ring. Auch seine Prothese ist eine Anfertigung vom Sanitätshaus Klein. Seitdem kickt, boxt und verteidigt er sich erfolgreich, gehört in Sachen Kampfkunst zu einem der Besten in der Region. Senaid ist dankbar. Dafür, dass er seine Gegner im Ring leichtfüßig besiegen kann. Er möchte anderen Amputierten Lebensmut zurückgeben. Senaid plant mit Martin Brehm, eine Prothese zu spenden. Die Aktion macht der engagierte Kämpfer über soziale Netzwerke publik. Unter allen Bewerbern fällt die Wahl schließlich auf Alen. „Er ist ein Kämpfer-Typ, arbeitet und ist immer für seine Kinder da. Auch mit nur einem Bein“, begründet Senaid die Entscheidung. 1 000 Euro hat der Sportler im Freundeskreis, der Arena und bei Sponsoren gesammelt. Geld, mit dem die Anreise und Unterkunft in Dieburg bezahlt werden. Die Kosten für die Prothese – sie liegen bei etwa 10 000 Euro – trägt das Sanitätshaus Klein. Brehm rechnet mit 42 Arbeitsstunden.

Nach dem ersten Abdruck bearbeiten Emilie Büttner und Katja Würth das Gipsteil weiter. Beide sind in der Ausbildung zur Orthopädietechnikerin. Der weiße Stummel wird mit weiteren Gipslagen verlängert, vier Frauenhände streichen das Material glatt. 20 Finger formen ein neues Leben. Später wird die Vorlage gleichmäßig ausgegossen, um einen Abdruck mit flexiblem Innenschaft und stabilem Karbonguss zu fertigen.

Einige Stunden danach, kurz vor der ersten Anprobe: Alen schlurft durch den Raum. Die Gummipfropfen am Ende seiner Krücken vereinen sich für wenige Sekunden immer wieder mit dem Boden. Das Ende des linken Hosenbeins der ausgewaschenen Jeans verschwindet in einem Knäuel in seiner Hosentasche. Not macht erfinderisch.

Brehm betritt mit der Prothese den Raum, nun ist Alen dran. Besonders freut er sich, dass endlich der linke Nike-Schuh ausgeführt wird. Die Prothese sitzt, Körpereinsatz ist nun gefragt: Nach dem Aufstehen findet Alen Halt an der braunen Stange. Schritt für Schritt hangelt er sich weiter, setzt die schmale Metallstange konzentriert auf die schneeweißen Fließen. Einzig seine Zunge, die sich zwischen die schmalen Lippen schmuggelt, verrät die Konzentration und Anstrengung.

Brehm und sein Team beobachten genau, sind aber auch auf Alens Beschreibungen, die vom Dolmetscher übersetzt werden, angewiesen. „Er merkt am besten, wo noch Luft ist und wo es drückt“, erklärt der Orthopädie-Experte. Seine Arbeit besteht in den nächsten Tagen darin, die Prothese bis zur endgültigen Fertigstellung immer wieder Alens Bein anzupassen. Denn dadurch, dass es nicht mehr an Belastung gewöhnt ist, kann es sich in nur wenigen Tagen verändern, schmaler oder breiter werden. Doch das endgültige Produkt muss bis Samstag fertig sein, dann geht es zurück in die Heimat.

Wenn Alen an sein neues Leben mit zwei Beinen denkt, wird er hibbelig. Dann funkeln seine kastanienbraunen Augen, dann ist Dankbarkeit zu spüren. „Ich kann bald endlich wieder alles mit meinen Kindern unternehmen.“ Er schaut nach unten auf den neuen Lebensabschnitt. Gefertigt aus Schrauben, Metall und jeder Menge Kunststoff.

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