Im Lichtschein der Synagoge

+
Einen Eindruck davon, wie es im Inneren der Synagoge ausgesehen haben mag, erhalten die Besucher vor dem großen Foto, das die Ostseite des Gebäudes zeigt.

Dieburg - Ein Grabstein mit hebräischer Inschrift zieht sich wie ein roter Faden - von der Einladung bis zu den Bildhintergründen der Texttafeln - durch die Ausstellung „Jüdisches Leben in Dieburg“, die am Mittwochabend im Museum Schloss Fechenbach eröffnet wurde. Von Laura Hombach

Dicht gedrängt saßen und standen die Gäste im und vor dem großen Saal des Schlosses.

Ein Grabstein als Leitmotiv für eine Ausstellung, deren Anspruch es ist, 600 Jahre jüdischen Lebens in Dieburg - die erste Erwähnung eines Juden in Dieburg stammt aus dem Jahr 1328 - erfahrbar zu machen? Stadtarchivarin und Ausstellungsmacherin Monika Rohde-Reith ist sich dieser Widersprüchlichkeit durchaus bewusst. Vielmehr nutzt sie genau diese Symbolik, um die besondere Problematik, der diese Ausstellung gerecht werden muss, nie aus dem Blick geraten zu lassen.

So erzählt die Ausstellung vom sich gegenseitig befruchtenden Zusammenleben von jüdischen und nichtjüdischen Dieburgern, gerade auch in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Die jüdischen Mitbürger nahmen aktiven Anteil am Dieburger Gesellschaftsleben. Ihre Geschäfte und Gaststätten wie „Zum goldenen Engel“ oder das Kaufhaus Wiesenfelder prägten das Dieburger Stadtbild. Die Einweihung der neuen Synagoge 1929 war ein gesellschaftliches Ereignis - nicht nur für die Mitglieder der jüdischen Gemeinde.

Wie es im Inneren der Synagoge ausgesehen haben mag, davon erhält der Besucher ein eindrucksvolles Bild: Ein Foto von der Ostseite der ehemaligen Synagoge taucht die Stirnseite des Ausstellungsraumes in rot-goldenes Licht. Fast glaubt man sich im Inneren des Gebäudes, das wenige Schritte weiter als Modell zu sehen ist. Das Gebäude selbst steht schon lange nicht mehr.

Heute ist der 1530 angelegte jüdische Friedhof der einzige Ort, an dem jüdische Geschichte in Dieburg noch erlebbar ist - mit ein Grund für Rohde-Reith, den Grabstein als Symbol zu wählen.

Eindrinliches Bild von der Auslöschung der Juden in Dieburg

Wie es zur Auslöschung der jüdischen Dieburger Gemeinde kam, auch davon zeichnet die Ausstellung ein eindringliches Bild. Von den Anfängen des Nazi-Terrors gegen die jüdischen Bürger, von Flucht, Deportation und der Ermordung in den Konzentrationslagern. Eine Liste der ermordeten jüdischen Bürger verdeutlicht das grausame Schicksal derjenigen, die kurz zuvor noch Tür an Tür mit ihren Dieburger Nachbarn gelebt hatten.

Und auch von den Schicksalen der Überlebenden des Nazi-Terrors berichtet die Ausstellung. Von dem schwierigen Start der Flüchtlinge in einer fremden Welt. Von den Überlebenden, die das Erlebte nie in erleichternde Worte fassen können. Von Überlebenden, die im Schriftwechsel mit der Stadt und mit Besuchen in Dieburg eine Wiederannäherung an ihre ehemalige Heimatstadt suchen.

Prächtige Besamintürme und Kidduschbecher sind zu bewundern.

Und auch von Überlebenden, die sich engagiert dafür einsetzen, dass solch menschenverachtende Grausamkeiten wie im Nazi-Deutschland nie wieder passieren. Einer davon ist Herbert Hain. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges kehrte er als Reporter nach Dieburg zurück. Weitere Besuche in seiner Heimatstadt folgten. Bei einem solchen Besuch wurde schließlich auch beschlossen, mit den Mitteln der Hans-Wick-Stiftung eine Wanderausstellung für Schulen zu konzipieren.

Bevor die Ausstellung auf Wanderschaft geht, ist sie noch bis zum 6. Januar 2010 im Museum Schloss Fechenbach zu sehen. Hier sind neben den reicht bebilderten Texttafeln auch zahlreiche Kostbarkeiten aus einer Dieburger Privatsammlung zu sehen. prachtvolle Besamintürme, Kidduschbecher, ein Toramantel und Bücher mit hebräischer Schrift künden vom gelebten jüdischen Glauben in Dieburg.

Texte und Bilder der Ausstellung basieren zu einem großen Teil auf dem von Günter Keim im Auftrag der Stadt Dieburg verfassten und 1993 erschienenen Buch „Beiträge zur Geschichte der Juden in Dieburg“.

Eindringlicher Bestandteil der Ausstellung ist auch der Trailer eines Films, den der Filmclub Dieburg gedreht hat. Zwar wird der komplette Film erst im November der Öffentlichkeit präsentiert, doch schon jetzt unterstreichen die Berichte der vom Filmclub interviewten Zeitzeugen und Überlebenden das, was die Ausstellung in Texten, Bildern und Exponaten erzählt.

Berichte und Fotos von Zeitzeugen

So berichtet ein Dieburger Zeitzeuge davon, wie er sich von Neugier getrieben unter einen Mantel geduckt in die Synagoge geschmuggelt hatte, um eine Hochzeitszeremonie mitzuerleben.

Auch der Überlebende Hans Lorch kommt in dem Film zu Wort. In der Ausstellung ist ein Kinderfoto von ihm und seiner Schwester Sigrid zu sehen. Seine Schwester Sigrid, die den Nazi-Terror nicht überlebt hat. Noch heute rollen Hans Lorch die Tränen über die Wangen, wenn er von ihr spricht.

Und dann ist da noch Deborah Vlock, Enkelin von Nelli Lehmann, die von der Sprachlosigkeit in ihrer Familie berichtet. Trotzdem endet der Film versöhnlich. „Ich komme gerne wieder“, sagt eine Überlebende.

Von ähnlichen Empfindungen weiß auch Abigail Wagschal zu berichten, die am Mittwoch als einzige Verwandte eines ehemaligen jüdischen Dieburgers zu Gast war. Mit gemischten Gefühlen besucht die junge Frau die Heimatstadt ihres Großvaters Wilhelm Wagschal, der vor den Nazis nach Amerika floh. Auf der einen Seite stehen für sie die unfassbaren Grausamkeiten, die Nazi-Deutschland ihrer Familie und Menschen ihres Glaubens angetan hat. Auf der anderen Seite hat sie durch den Kontakt, den Rohde-Reith im Auftrag der Stadt mit den Familien der ehemaligen Dieburger hält, und einen ersten Besuch in Dieburg vor zwei Jahren eine Art Zugehörigkeitsgefühl zum Heimatort ihres Großvaters entwickelt. „Es ist mir sehr wichtig, heute hier zu sein“, sagt die junge Frau beim Gang durch die Ausstellung.

Wisse, vor wem Du stehst“, so hatte Bürgermeister Dr. Werner Thomas bei der Eröffnung die Inschrift in der Dieburger Synagoge zitiert. „Dieser Satz soll uns lehren, Ehrfurcht zu haben, vor Gott und den Menschen, die er geschaffen hat“, so der Bürgermeister. Unser aller Aufgabe sieht Thomas darin, die Verantwortung dafür zu übernehmen, dass solch menschenverachtendes Handeln nie wieder geschieht.

Damit so etwas nie wieder geschieht

„Never let it happen again (lasst so etwas nie wieder geschehen)“, zitierte auch Rohde-Reith den Auftrag, den Helen Hansi Kleban (eine geborene Lorch aus Dieburg) den Bürgern ihrer ehemaligen Heimatstadt mit auf den Weg gegeben hat.

Die Auslöschung der jüdischen Gemeinde ist ein großer Verlust für Dieburg“, so die Stadtarchivarin. Auch sie rief dazu auf, dieses Bewusstsein unser zukünftiges Handeln bestimmen zu lassen. Rohde-Reith verwies in ihrer Einführung auf Initiativen, die sich diesen Auftrag zu eigen gemacht haben: Die in Dieburg lebende Künstlerin Sue Hénon hat für die Ausstellung ein Gemälde und einen Druck angefertigt, der Verein Gedankenstein sammelt Geld für einen Erinnerungsstein für die ehemaligen jüdischen Mitbürger, den der Künstler Martin Konietschke entworfen hat und die Stadt Dieburg veranstaltet am 26. September ein Fest der Kulturen.

Und trotz allem laute die Botschaft der Ausstellung, wie positiv 600 Jahre jüdischen Lebens Dieburg mitgeprägt hätten, betonte Rohde-Reith. Ein Blickwinkel, den auch Abigail Wagschal teilt. Im Umgang mit den problematischen Gefühlen, die sie selbst mit Deutschland verbinde, helfe ihr eben dieser positive Blick auf die 600 Jahre des Zusammenlebens, so die junge Amerikanerin.

  • 0Kommentare
  • 0 Google+
    schließen

Kommentare