Mahnmal für vertriebene jüdische Bürger

Gedanke ist aktueller denn je

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Das übergroße Plastilin-Modell in Martin Konietschkes Atelier zeigt die Vorderseite des künftigen Gedankensteins.

Dieburg - Aus einer ganz privaten Initiative, die 2009 ins Rollen kam, hat sich das Projekt Gedankenstein entwickelt. Es hat viel Überzeugungskraft und Ausdauer – auch beim Spendensammeln – gekostet. Von Lisa Hager

Anfang nächsten Jahres wird der Gedankenstein zur Erinnerung an die vertriebenen und ermordeten jüdischen Bürger Dieburgs vorm Landratsamt seine Heimat finden. „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen: Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben.” Mit diesem Zitat des Schriftstellers Primo Levi hat der Verein Gedankenstein um Michael Maschek, Ulrich Schanze und Carola Dröse seine Homepage betitelt. „Wir treten als kleine Gruppe von Bürgern auf, die sich der Verantwortung für die Historie und für die Zukunft bewusst ist und für ein lebendiges Bewusstsein unserer Geschichte steht“, erläutern sie weiter.

2009 hat sich die Idee entwickelt, ein Mahnmal für die vertriebenen und ermordeten ehemaligen jüdischen Bürger von Dieburg zu schaffen. Die drei sahen und sehen ihr Projekt als gelebte verantwortungsbewusste Bürgerbeteiligung – ganz nach dem Motto „Nicht das Gute wollen, sondern das Gute tun“. Viele Hürden waren zu überstehen, viel Überzeugungsarbeit musste geleistet werden. Ausdauer brauchte es nicht nur beim Sammeln von Spenden, mit denen der Gedankenstein finanziert werden sollte. Die Gesamtkosten wurden anfangs auf rund 40.000 Euro geschätzt.

Ohne den bekannten Dieburger Bildhauer Martin Konietschke, der quasi zum Nulltarif arbeitet, wäre die Idee sicher nicht verwirklicht worden. Er ist nicht nur mit der künstlerischen Umsetzung befasst, sondern wirkt auch als Motivator. Inzwischen ist die Idee beinahe schon in greifbare Realität verwandelt. „Die bislang noch fehlende Rückwand ist fertig. Ich komme gerade vom Gießer aus Herborn zurück“, sagt Martin Konietschke nach dem aktuellen Stand befragt. Dann seien alle Teile fertiggestellt. Anfang des kommenden Jahres könne der Gedankenstein errichtet werden. Und einen Standort hat er auch schon: nachdem sich Pläne, das Mahnmal im Fechenbach-Park aufzustellen, scheiterten, sprang Landrat Klaus Peter Schellhaas mit einem Vorschlag in die Bresche – und ließ auf dem neu gestalteten Vorhof des sanierten Kreishauses in der Albinistraße einen Platz dafür reservieren. Die Betonsockel dafür sind bereits installiert.

Wie aber wird der Gedankenstein aussehen? Das Bronzemonument wird in vier Teilen gegossen, ist etwa 1,80 Meter hoch, 2,50 Meter breit und ruht auf drei Sockeln aus Bronze. Die Vorderseite zeigt eine Aufbruchsszene: Eine Familie geht fort. Alle sind solide gekleidet, der Vater trägt Koffer und Regenmantel, die Mutter feste Schuhe und einen Rucksack. Aber wohin geht die Reise der vier Personen, von denen nur das kleine Kind auf dem Arm der Frau zurückblickt - dem Betrachter ins Gesicht? Es könnte etwas ganz Alltägliches sein, was die Tafel zeigt, einen Ausflug, einen Aufbruch in die Ferien. Tatsächlich aber ist es ein Abschied für immer: Die jüdische Familie geht ihrem Untergang entgegen.

Damit man die Tatsache nicht ignorieren kann, hält das Kleinkind Blickkontakt zum Betrachter. „Zur Reliefmitte scheinen sich die Figuren fast aufzulösen“, erklärt Konietschke dazu noch. Eine Andeutung dessen, was mit den Menschen geschehen wird. Auf der Rückseite des Gedankensteins sind 36 Familiennamen in Kupfer gegossen – Namen von Dieburger Bürgern, die von den Nazis verjagt oder sogar deportiert und ermordet wurden. Darunter steht: „In Gedenken an die deportierten und ermordeten Mitbürger der Stadt.“ Überschrieben wird die Namensliste mit dem Satz: „Wer die Vergangenheit nicht kennt, ist verdammt, sie zu wiederholen.“

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