Oliver Dingeldein lernt trotz Down-Syndroms Schlagzeug

Mut, der sich ausgezahlt hat

Dieburg - Es ist eine der vielen schönen Geschichten, die Menschen mit Behinderung in unserer Gesellschaft immer wieder schreiben: Die Mutter eines jungen Mannes geht einen noch immer eher ungewöhnlichen Weg und meldet ihren Sohn in einer Musikschule an - obwohl der Filius das Down- Syndrom hat. Von Jens Dörr 

Nach mehr als einem Jahr steht fest: Die Entscheidung war richtig. All das geschah im Sommer 2014 und geschieht bis heute im Dieburger Industriegebiet-Nord. Dort ist seit wenigen Jahren die einst in der Altheimer Straße zu findende Dieburger Niederlassung der Modern Music School (MMS) zu finden. Aufgebaut hat sie wesentlich Kai Bergerin, bis heute Leiter und „Gesicht“ der MMS. Im Sommer 2014 also streuten Bergerin und sein Team Werbung in Dieburgs Briefkästen. Eine, die den Flyer in die Hand nahm und so schnell nicht weglegen wollte, war Heike Dries: Sie ist die Mutter des 25-jährigen Oliver Dingeldein, der mit eben eingangs erwähntem Down-Syndrom (auch unter dem Begriff „Trisomie 21“ bekannt) geboren wurde.

Vor mehr als zwei Jahrzehnten berichtete unsere Zeitung bereits schon einmal über Dries und Dingeldein - damals über die Suche nach einem Kindergarten-Platz für den kleinen Oli. Der ist inzwischen ein Mann geworden, der integrative Ansatz in den meisten KiTas längst selbstverständlich. Doch ganz einfach von der Hand gehen für Dries manche Entscheidungen, die mit ihrem Sohn zu tun haben, weiterhin nicht. So auch die Frage, ob sie Oliver in der MMS anmelden soll.

„Oli ist musikalisch veranlasst, Menschen mit Down-Syndrom haben ein besonderes Gefühl fur Musik“, war sie sich zwar schon vor einem Jahr sicher. Mit vier Jahren habe er sich bereits an die Orgel seines Opas gesetzt. „Außerdem hat Oli ein sehr gutes Händchen“, erzählt seine Mutter. Und schildert dann doch, wie ihre Gemütslage nach dem Lesen der MMS-Werbung ausgesehen habe: „Als der Flyer im Briefkasten war, habe ich allen Mut zusammengepackt.“ Konkret hieß das: Dries rief in der Musikschule an - und stieß auf offene Ohren.

Ursprünglich war der Gedanke, Oliver könne Keyboard lernen. „Wir hatten dann die Idee, dass er stattdessen Schlagzeug spielen könne, weil das einfacher zu lernen ist“, sagt Schulleiter Bergerin, selbst passionierter Drummer. „Die Anfrage war für uns überhaupt kein Problem“, betont er. „Wir haben dann den passenden Lehrer für ihn herausgesucht.“ Der heißt bis heute Tobias Krick, als Musiker dem einen oder anderen aus den regionalen Bands Afrokunda und Muffintops bekannt. „Ich habe mich auf die Aufgabe gefreut und keine Berührungsängste gehabt“, sagt Krick. Erleichtert habe die Sache, dass Oliver „vom Naturell her freundlich“ sei.

Inzwischen sind die beiden ein eingespieltes Duo, führen auch beim Besuch des DA etwas vor. Bei einem der Schulkonzerte spielte Oliver bereits zusammen mit nichtbehinderten Schülern, „da hat er den Rhythmus besonders gut gehalten“, lobt Krick. Oliver habe „ein richtig gutes Gefühl für Form“. Ebenso wichtig ist das Schwätzchen über das Befinden zu Beginn jeder Stunde. Und der 25-Jährige, der außerdem gern schwimmt, kocht und Basketball spielt, mag seinen Schlagzeug-Unterricht wie seinen Lehrer gar nicht mehr missen.

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