Szenen aus anno dazumal

Dieburger Inspiration für Datterich

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Musikalisches Finale: Das Ensemble des Dieburger Heimatvereins stimmte zum Ausklang des Szenenspiels über den Hauslehrer Ernst Elias Niebergall ein Lied Joseph von Eichendorffs an.

Dieburg - Was hat das Darmstädter Schlitzohr Datterich mit einem Zimmerner Wilddieb und einer Dibboijer Protestantenfamilie zu tun? Für das Publikum in der Hofreite der Familie Setzer gab es am Freitagabend Nachhilfeunterricht in Sachen Lokalhistorie. Von Ursula Friedrich 

Zum krönenden Abschluss des abendlichen Nachtwächter-Rundgangs mit dem Heimatverein wurden über 60 Teilnehmer Zeugen einer munteren Spielszene, wie sie anno 1836 in Dieburg Alltag hätte sein können. Schauplatz war das Haus des protestantischen Forstmeisters Reitz, der sich mit seiner Familie im erzkatholischen Dieburg angesiedelt hatte.

„Sie ziehen mich an den Haaren!“ „Wir werden geärgert und geschlagen!“ Nach diesen Erlebnissen des Reitz´schen Nachwuchses in der Schule (die Kinder mimten Katharina und Lukas Richter, Nils und Marius Wolfenstädter, Jan Lüders und Joris Fries) wurde der Darmstädter Ernst Elias Niebergall (dargestellt von Thorsten Setzer) als Hauslehrer angeheuert.

Impressionen für Datterich in Dieburg gesammelt

Niebergall soll von 1836 bis 1840 als Lehrer die evangelischen Dieburger Kinder unterrichtet und während dieser Zeit wichtige Impressionen für sein Kultstück Datterich gesammelt haben.

Mit Unterstützung der Erzählerinnen Irmtraud Pauly-Richter und Irmtraut Schulz-Hock wurde der historischen Begebenheit Leben eingehaucht. Ein Dutzend Darsteller des Heimatvereins brachten Licht in ein dunkles Kapitel Geschichte.

Wo sammelte der Heimatdichter Eindrücke für die Figur seines Datterichs? Vielleicht in der Person des Waldarbeiters Jakob (Karlheinz Braun war die Rolle auf den Leib geschneidert)? Dessen zwangloses Leben mag als Vorlage gedient haben. Drehbuchautorin Monika Dambier-Blank arbeitete in die Textpassagen Jakobs mehrere Datterich-Zitate ein. „Bezahle, wenn mer Geld hat, des is kah Kunst, aber bezahle, wenn mer kahns hat, des is e Kunst....“, philosophierte der ebenso lebenslustige wie abgebrannte Jakob nach dem Besuch eines Wirtshauses, den schon wieder „so en versteckte Dorscht“ plagte. Dass er im Wald einen Zimmerner Metzger beim Wildern ertappte, verlieh dem humorvollen Stück freilich zusätzliche Würze.

Es darf herzlich gelacht werden

Nach der eher ernsten Spielszene des Heimatvereins um den Mainzer Bischoff von Ketteler, zu sehen beim ersten Nachtwächter-Rundgang, durfte nun herzlich gelacht werden. Monika Dambier-Blank, die auch das Reitz´sche Weib mimte, würzte die Dialoge mit lustigen Einfällen und lokalen Spitzen. „Meine Oma war evangelisch“, erzählte sie - aus den Erlebnissen der Großmutter nahm sie wichtige Eindrücke für ihr Drehbuch mit.

Das Wirken Niebergalls in Dieburg ist dokumentiert. Im kommenden Jahr jährt sich der Geburtstag des Datterich-Dichters (13.1.1815) zum 200. Mal - auch das war Anlass für den Heimatverein, den Kasus Niebergall in das jüngste Szenenspiel einzubauen. In weiteren Rollen agierten René Lüders (Hauslehrer) und Uwe Setzer (Forstmeister Reitz).

Im Wechsel zeigen die Laiendarsteller bei den kommenden Nachtwächter-Rundgängen an den Freitagen vor Weihnachten die beiden Theaterszenen um Niebergall und Bischof von Ketteler. Wermutstropfen: „Die Karten für die acht Nachtwächter-Rundgänge waren nach 20 Minuten ausverkauft“, schilderte Monika Dambier-Blank die tolle Resonanz. Am jeweiligen Termin werden je zehn weitere Tickets an der Bude des Heimatvereins auf dem Glückstaler-Markt verkauft – wer dabei sein möchte, muss sich sputen.

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