Global Game Jam am Medien-Campus

Neue Götter des Quellcodes

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Über 30 Nachwuchstalente programmierten beim Global Game Jam am Mediencampus Dieburg Computerspiele. Jedes Jahr lockt die Aktion weltweit Zocker an die Tastaturen.

Dieburg - Lan-Parties waren in den Neunzigern absolut angesagt. Stundenlanges Zocken bis die Augen glühen, Pizzaschachteln bis unter die Decke. Ein etwas anderes Gamer-Eldorado gab es auf dem Mediencampus Dieburg. In 48 Stunden entstanden dort neun Computerspiele. Von Eva-Maria Lill 

Und was jetzt? Die Prinzessin ist gerettet, alle Monster besiegt. Nach bezauberndem Handkuss ist der Held arbeitslos. Beim Global Game Jam fangen Computerspiele an, wo andere aufhören: nach dem Abspann, nach dem Kampf, nach dem Happy-End.

Mehr als 40 Studenten des Netzwerkes Hessische Film und Medienakademie (hfma) trafen sich auf dem Campus Dieburg und programmierten binnen 48 Stunden neun Computerspiele. Dabei sind sie nur ein kleiner Teil des großen Global Game Jams. Allein in Deutschland beteiligten sich etwa 15 Standorte, weltweit lockte die Aktion 25.000 Teilnehmer aus 78 Ländern vor die Bildschirme.

Game Jam seit 2009 jährlich

Ziel ist es, Zockerbegeisterte zusammenzubringen und mit globalem Gehirn unverbrauchte Ideen aus dem Quellcode zu stampfen. Initiiert hat den Programmiermarathon die amerikanische International Game Developers Association (IGDA). Seit 2009 findet der Jam jedes Jahr statt. Teilnehmen können nicht nur Technikfüchse, sondern auch Künstler, Geschichtenschreiber und Daddelfreunde.

Zwei Tage lang schließen sich die Hobby-Entwickler ein, geschlafen und gegessen wird – wenn überhaupt – vor Ort. Überall auf der Welt wird Freitag, Punkt 17 Uhr, das Thema bekannt gegeben. Dieses Jahr lautet es „What we do now“ (Was machen wir jetzt?). Anschließend tüfteln die Teilnehmer und versuchen, Mitstreiter von ihren Ideen zu überzeugen. Um die besten Konzepte bilden sich Gruppen. „In den großen Spieleschmieden sitzen Programmierer und Künstler getrennt. Bei uns arbeiten sie eng zusammen“, erklärt Tilmann Kohlhaase. Professor für „Animation and Game Production“ an der Universität Darmstadt.

Im vergangenen Sommer starteten die Vorbereitungen, ab November konnten sich die Teilnehmer registrieren. Nicht nur Studenten aus Darmstadt-Dieburg sind dabei, auch Gäste aus Kassel oder Frankfurt. Bereits zum dritten Mal beteiligt sich der Mediencampus am weltweiten Programmieren.

Motto stammt aus dem Jazz

„Wir nehmen das Motto ,Jam’ sehr ernst. Der Begriff stammt ja aus dem Jazz und beschreibt spontane Zusammenkünfte. Einer fängt an, einer macht weiter, einer fällt dazwischen. Dadurch entsteht Erstaunliches. So funktioniert auch die Game-Entwicklung“, so Kohlhaase. Die Vielfalt der Persönlichkeiten zeigen auch die Ergebnisse: Experimentelles trifft auf Klassisches, Geschichten auf Geschicklichkeit.

Bei „The First Time“ versucht der Spieler, zuckende Aliententakel fürs Stelldichein zusammenzuschieben. „SpaceCats“ zwingt zu Entscheidungen: Drücke ich meinen Ketchup über die Pommes oder kleckse ich an den Tellerrand? „From Hero to Zero“ zeigt, was der Held nach dem Abenteuer mit der freien Zeit anfängt: Felder bestellen und Insekten plätten. Auch „Princess Walking Shit“ gibt dem arbeitslosen Retter eine neue Beschäftigung. Gemeinsam mit der nutzlosen Prinzessin versucht er, aus dem fallengespickten Schloss zu entkommen. Interessant ist auch „Where2When“. Das Spiel steuert sich bloß mit einer Taste und reflektiert auf clevere Art den Zeitdruck beim Programmieren. Pfiffig geht es bei „Dungeon Cleaner“ zu.

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Wer räumt eigentlich das Chaos auf, das der Held in Höhlen und Verliesen hinterlässt? Ganz einfach: Der Spieler steuert einen Hausmeister, der Pixelblut und Monstersuppe vom Bildschirm putzt.

Die entstandenen Spiele sind keine fertigen Produkte, sondern Prototypen. „Viele werden im Laufe des Studiums verbessert, weitergeführt oder vervollständigt“, sagt Kohlhaase. Der Clou: weltweit laden die Teilnehmer ihre Schöpfungen auf eine frei zugängliche Internetseite. „Häufig schauen auch Talentscouts auf die Ergebnisse. Es ist eine tolle Möglichkeit, mit der Industrie in Kontakt zu treten.“

Weitere Infos unterhttp://globalgamejam.org

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