Mit der Pistole im Rücken

„Verwirrter“ Täter zwingt Angestellten zum Mitgehen

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Zu Uhrzeiten wie dem Tatzeitpunkt ist in der Tankstelle auf Nachtschalterbetrieb umgestellt. Die Tür bleibt geschlossen.

Dieburg - Das war eine Woche mit etlichen kriminellen Vorfällen im Raum Dieburg. Gestern ging sie mit einer Nacht des Schreckens für einen 53-jährigen Angestellten der Shell-Tankstelle in der Frankfurter Straße zu Ende. Von Lisa Hager 

Von dem anscheinend verwirrten Räuber wurde er mit Waffengewalt gezwungen, ihn durchs Industriegebiet zu begleiten. Dem nach Aussage des 53-jährigen Angestellten „sehr verwirrt“ wirkenden Täter hat ein Zufall in die Hände gespielt: Normalerweise werden die Geschäfte in der Tankstelle zum Tatzeitpunkt (3.30 Uhr) nur noch per Nachtschalter abgewickelt: Das heißt, die Tankstellen-Tür öffnet sich nicht mehr, Kunden werden über eine Schalteranlage – ähnlich wie bei einer Nachtapotheke – bedient. „Gerade in dem Moment aber bekamen wir die Zeitungen geliefert, deshalb war die Tür kurz offen, das hat der Täter ausgenutzt“, erläutert Tankstellenbesitzer Andreas Falk. Ihm ist die Sorge um seinen Mitarbeiter deutlich anzusehen. Der Täter, der sein Gesicht mit einem Tuch verhüllt hatte, zwang den Angestellten unter Vorhalt einer Pistole, ihm das Wechselgeld – rund 100 Euro – auszuhändigen. „Wir haben immer nur Wechselgeld da“, sagt Falk. „Bei uns ist nichts zu holen, das wusste der Täter anscheinend nicht.“ Dann geschah etwas, was sich bisher niemand erklären kann: Der Täter zwang ihn mit Waffengewalt, ihn zu Fuß zu begleiten. Was folgte, war eine ziellose, etwa halbstündige Tour durch die nächtlichen Straßen des Industriegebiets.

Dabei bedrohte er sein Opfer noch mehrmals direkt mit der Pistole. Falk ist voll Bewunderung für seinen Angestellten, der Todesangst gehabt haben muss, zumal er den Täter als „verwirrt“ beschrieb und nicht wusste, wo diese Entführung enden würde. „Mein Mitarbeiter ist absolut ruhig geblieben, das haben auch die Videoaufnahmen während des Überfalls gezeigt“, sagt er. Diese würden jetzt von der Polizei ausgewertet. Bislang fehlt von dem Täter, der einen osteuropäischen Akzent gehabt haben soll, jede Spur. Nach der ziellosen Tour ist ermit seinem Opfer wieder zum Ausgangspunkt zurückgekehrt und war urplötzlich verschwunden. Inzwischen warteten schon mehrere Kunden in der Tankstelle, da die Tür ja offen stand. „Einer hat überall nach einem Mitarbeiter gesucht, weil ihm das Ganze spanisch vorkam“, sagt Falk. Der Angestellte rief schließlich selbst die Polizei, die innerhalb weniger Minuten eintraf und Spuren sicherte. Auch Falk selbst war kurz danach vor Ort.

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Erst am Montag hatte es Aufregung in der Frankfurter Straße gegeben: In einem Bekleidungsgeschäft auf der gegenüberliegenden Seite hatte ein Räuber zwei Mitarbeiterinnen gefesselt und geknebelt (wir berichteten) und sie mit der Waffe bedroht. Die Polizei fragte auch bei Falk nach, ob in der benachbarten Tankstelle etwas Verdächtiges beobachtet wurde. „Den Täter haben sie jetzt gottseidank, aber den Überfall in der Nacht bei uns kann er ja nicht begangen haben“, sagt er.

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