Open Air bleibt seiner nicht-kommerziellen Linie treu – fast immer jedenfalls

„17. Traffic Jam“: Pogo mal ganz ohne Unwetter

+
Grölen, tanzen und die Musik genießen: In Ekstase waren einige Besucher des 17. Traffic-Jam schon am Nachmittag. - Fotos (2):

Dieburg - Mit 27 Bands und ebenso vielen Mini-Konzerten ist das „17. Traffic Jam“ am Freitag und Samstag buchstäblich über die Bühne auf dem Verkehrsübungsplatz der Fahrschule Völker im Dieburger Gewerbegebiet gegangen. Von Jens Dörr 

Wieder blieb der veranstaltende Verein „Schallkultur“, dem insbesondere junge Menschen aus Dieburg, Münster und weiteren Orten der Region angehören, seiner nicht-kommerziellen Linie treu. Fast immer jedenfalls, muss man einschränken, wurde die Linie eingehalten. Denn auch in Dieburg müssen die Kosten für Bühne, Bauzähne, Bands, Toiletten, Stromanschluss, Wasserversorgung, GEMA, Genehmigungen und etliches mehr bezahlt werden. Dies geschieht mit den Einnahmen aus dem Ticket- und Getränkeverkauf und durch die Gebühren der Standbetreiber, aber eben auch durch Merchandising. Bei den Musikern schimmert zumindest ab und an ein bisschen Geschäftstüchtigkeit durch, etwa wenn der Sänger der US-Hardcore-Punker von Wisdom in Chains schon nach dem ersten Song kundtut: „We’ve got a new record to sell“ („Wir haben eine neue CD zu verkaufen“). Schon seit dem vergangenen Jahr sind mit einem Kartensystem, das das Bargeld abgelöst hat, zudem auch am Getränkestand des „Traffic Jam“ moderne Zeiten angebrochen.

Auf dem Campingplatz ging es entspannt zu.

Wer das Gesamte sieht, nimmt das Dieburger Festival jedoch zumindest preislich weiter als Ereignis für jedermann wahr. Schlappe 38 Euro kosten beide Tage zusammen, was 1,41 Euro pro Auftritt bedeutet und andernorts nicht selten für eine zweistündige Vorstellung eines Mittelklasse-Comedians berappt werden muss. Die Fritten auf dem Gelände sind für 2,50 Euro zu haben; dem Ansturm auf Rewe und Co. im Dieburger I-Nord tat das am Wochenende freilich keinen Abbruch. Schließlich wollen auch die knapp 1 200 Campinggäste, die erneut diesmal rund die Hälfte der täglichen Besucher ausmachten, auf ihrem Platz (auf den sie Speisen und Getränke von draußen mitbringen dürfen) verpflegt sein.

Auch bei der Buchung der Bands findet „Schallkultur“ jenen Mittelweg, der einerseits ein vernünftiges Programm der alternativen Rockformen mit Zugpferden wie diesmal Silverstein, Ignite oder Madball (alle aus den USA) bietet, andererseits regionalen Gruppen wie die südhessischen Four Monkeys eine Plattform gibt und zugleich das eigene Budget im Rahmen hält. Dass sich die Dieburger nicht auf der Nase herumtanzen lassen, verdeutlichte am Freitag „Schallkultur“-Chef Julian Dörr, bei dem hinter der Bühne in der Zentrale die wichtigsten Informationen und Anliegen zusammenliefen: Eine englische Band habe den Festivalmachern kurzfristig mitgeteilt, dass sie keinen Billigflug mehr bekommen habe und nun die Flugtickets von den Dieburgern erstattet haben wolle. „Das wäre teurer gewesen als die gesamte Gage“, so Dörr. „Da haben wir gesagt: nö!“ Den Ersatz nicht nur für diese Band, die eben zuhause bleiben musste, sondern auch zwei weitere, die absagten, vermochte dank seines exzellenten Netzwerks „Schallkultur“-Booker Martin Hammerschmidt kurzfristig zu verpflichten.

Fotos zum Traffic Jam 2016 in Dieburg

Auch sonst hatten die Musikverrückten, ihre Dutzenden Helfer sowie Sicherheitskräfte, Bühnenbauer, Technikdienstleister und die Johanniter als Rettungsdienst am Wochenende für fast alles eine pragmatische Lösung parat. Ein wenig machtlos wähnte sich die Festival-Crew nur am Freitagmittag, als die Bauaufsicht, die die Bühne abnehmen sollte, konsequent auf sich warten ließ. Doch obgleich nicht nur in diesem Fall ein wenig improvisiert werden musste: Am Ende stand dem Genuss von mehr als zwei Dutzend Gruppen, von Headbanging und Pogo, von einem unwetter- und hitzefreien 17. Dieburger „Verkehrsstau“ nichts Unüberbrückbares im Wege.

Kommentare