„Pokémon Go“:

Monster an jeder Ecke

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Vom Pokémon-Spielen ruhen sich diese Dieburger Jugendlichen auf der Freitreppe vor dem Schloss Fechenbach aus.

Dieburg - Sie lauern derzeit überall: Pokémon. Ob in Gärten, Höfen, auf Parkplätzen, Hauseingängen oder hinter Autos – es gibt keinen Ort, wo die kleinen Monster nicht überraschend auftauchen können. Von Michael Just und Katrin Muhl

In der realen Welt sucht man sie aber vergeblich: Wer sie erblicken und fangen will, braucht ein Smartphone und das Spiel „Pokémon Go“. Das Spiel lässt sich unkompliziert und kostenfrei aus dem Internet runterladen. In Deutschland fehlt es derzeit bei fast keinem Heranwachsenden auf dem Handy. Auch in Dieburg: Gebannt und geistesabwesend waren in den letzten Tagen noch mehr Schüler als sonst auf dem Marktplatz oder im Fechenbach-Park unterwegs, die mit unlösbarer Genickstarre auf ihr Telefon blickten. „Ich spiele jeden Tag zwei Stunden. Das kann aber auch mehr werden“, bekannte der 22-jährige Kevin. Für Jenny (19) ging sogar ein Traum in Erfüllung. Seit ihrer Kindheit liebt sie die Pokémon, die 1996 mit einem Computerspiel geboren wurden und danach mit 17 Kinofilmen, Sammelspielkarten und Stofftieren ihren Siegeszug antraten. Jetzt gibt es die sympathischen Monster auch fürs Handy.

Das Spiel ist ausgeklügelt, denn mit Hilfe von Google Maps und einer Standortabfrage (GPS) bildet es die Straße, in der man gerade läuft, sowie die umliegenden Gebäude auf dem Smartphone schemenhaft ab. Zur Kombi von Realität und Virtualität kommt als Novum hinzu, dass man zum Spielen ins Freie gehen muss. Zeigen sich die Pokémon auf dem Bildschirm, müssen sie gefangen werden. Hierzu wirft der Spieler einen virtuellen Pokéball, der das Tierchen in sich aufnimmt.

Die Gruppendymanik ließ in den letzten Tagen Dutzende Teenager auf dem Dieburger Markplatz und im Fechenbach-Park suchen. Aber auch in Münster und Eppertshausen gehen Jugendliche auf Pokémon-Jagd. Münsters Hallenbad und Rathausplatz etwa, sind sehr beliebte Anlaufstellen: Hier können sich die Spieler mit Pokébällen eindecken. Deren Vorrat nimmt nämlich mit jedem Fang-Versuch ab. Ihre eingefangenen Pokémon schicken die Spieler zum Kampf in Arenen. Als solche ausgewiesene Punkte befinden sich in Münster beispielsweise am Sportplatz, an beiden Kirchen und am Friedhof; in Eppertshausen am Franz-Gruber-Platz oder auf dem Spielplatz an der Abtei.

"Pokémon Go": Irre Monsterjagd mit Suchtpotenzial

In Darmstadt kommen im Herrengarten abends bis zu 100 junge Menschen zusammen, um der Pokémon-Manie zu frönen. Mittlerweile liegen der Polizei in Deutschland die ersten Anzeigen wegen Hausfriedensbruch vor, da sich manche Pokémon-Jäger nicht vom Betreten von Privatgrund abhalten lassen wollen – schließlich bringt jedes gefangene Monster extra Punkte. Vor allem im Straßenverkehr ist die Sache nicht ungefährlich, wenn der Blick auf dem Handy klebt und dabei gelaufen wird. Auch der Kfz-Überwachungsverein Dekra sieht ein erhöhtes Unfallrisiko und rät dringend davon ab, als Fußgänger, Radfahrer oder gar Autofahrer im Straßenverkehr auf „Monsterjagd“ zu gehen. Bundesweit habe es deswegen schon mehrere Unfälle gegeben.

Von den befragten Dieburger Schülern zeigten sich zwar viele, aber durchweg nicht alle vom Pokémon-Fieber erfasst. „Damit steigt die Handysucht doch nur noch mehr. Das ist nicht gut“ meint Jannick (17) kritisch. Melanie (21) hält den neuesten Auftritt der Pokémon sogar für verblödend: „Man läuft eher ziemlich sinnlos in der Gegend rum.“ Kurz nach ihrem Kommentar sah man sie allerdings selbst im Gehen auf ihr Handy starren. Bei der Nachfrage gab sie allerdings Entwarnung: „Keine Pokémon, nur Facebook.“

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