Rafik Schami in der Römerhalle

Geschichten ohne Ende

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Rafik Schami ist ein großer Geschichtenerzähler in bester arabischer Tradition.

Dieburg - Er schafft das – und zwar ohne erkennbare Mühe: 400 Zuhörer in der Römerhalle über mehr als zwei Stunden zu unterhalten, zu bewegen, nachdenklich zu machen und zu rühren. Rafik Schami hat sein neuestes Buch „Sophia oder Der Anfang aller Geschichten“ vorgestellt. Von Lisa Hager 

Und die Lesung war wie immer bei ihm gar keine, sondern eine Erzählung. In seiner orientalisch anmutenden Weste steht er allein auf der Bühne der Römerhalle. Ein paar Scheinwerfer und ein schlichtes Plakat vervollständigen die Dekoration. Das Lesepult braucht er nicht: Rafik Schami ist ein Erzähler in bester arabischer Tradition. D ass er in Dieburg ein gern gesehener Gast ist, wird auch bei der Begrüßung durch Bücherinsulanerin Claudia Kleene deutlich. „Sie ist die schönste Buchhändlerin Deutschlands“, macht er ihr ein Kompliment und rote Bäckchen.

Und schon steigt er ein in sein verzweigtes Erzählkonstrukt, das Kopfkino kann beginnen. Sein neuester Roman „Sophia“ beginnt im aufkeimenden arabischen Frühling mit der Schilderung eines älteren Liebespaares, das wegen seines unbekümmerten Verhaltens in seiner Nachbarschaft in Damaskus auf Spott und Ablehnung stößt. Zumal sie, Aida, auch noch Christin, er, Karim, Muslim ist. Karim war als junger Mann heftig in Sophia verliebt. Die aber – eine starke, selbstbewusste Frau – nimmt einen reichen Goldschmied zum Mann. „Es ist ein Thriller, eine Verfolgungsgeschichte – umgeben von zwei leidenschaftlichen Liebensgeschichten“, kündigt Schami an. Und die Zuhörer spitzen die Ohren – wie die nächsten zwei Stunden herrscht jetzt schon andächtige Stille, höchstens mal unterbrochen von einem mehr oder minder lauten Lachen. Denn Schamis Humor, ein ganz spezieller, kluger, eigenwilliger und leiser, blitzt immer wieder zwischendrin auf. Er gestaltet seine Figuren zu ganz eigenwilligen Charakteren, denen man gerne einmal begegnen möchte.

Lachen brandet auch auf als Schami einen Trick des Orients ankündigt: „Die Story endet übrigens vor der Pause an einem sehr spannenden Punkt, damit sie alle wiederkommen.“ Und wer sich verdrücken möchte, ohne aufzufallen, dem käme die Unterbrechung sicher auch gelegen, so der diplomatische Autor.

Immer wieder schweift er von der Erzählung ab, in der Sophia trotz ihres anderen Lebens Karim verbunden bleibt. Als er unter einen absurden Mordverdacht gerät, rettet sie ihm sogar das Leben – in einem Land, das vor Geheimdienstspitzeln nur so starrt. Sophias einziger Sohn Salman exerziert das später durch, was stark an Schamis eigene Biographie erinnert. Emigration nach Europa wo er es zu Wohlstand bringt. Aber die Wunde des Exils heilt nicht. Und so begibt er sich in Lebensgefahr, als er nach Damaskus zurückkehrt um seine Eltern, Sophia und ihren Goldhändlergatten, noch einmal zu sehen. Überall wird er herzlich begrüßt, nur Cousin Elias hat eine Rechnung mit ihm offen. Einst hat er mit ihm in den Bergen im Widerstand gekämpft. Jetzt ist Elias ein hoher Geheimdienstoffizier, der selbst als Gast bei Familienfesten gefürchtet ist. Und Elias will Salman vernichten, da er Zeuge seines Verrats ist. Bis es aber soweit kommt, dass Karim sein Versprechen einlösen kann, diesmal Sophia zu helfen, macht Schami viele Exkursionen in die eigene Biographie und ins Philosophische, erklärt viel Eigentümliches aus seinem Land, in dessen undurchschaubarer Politik-Szenerie schon viele Diktatoren auftraten. Und er erklärt die Macht der Sippe, die über dem Gesetz steht und nicht einmal vor dem Mord an eigenen Kindern zurückschreckt, eine klare Absage. Auch den ideologischen Verirrungen der Religion misstraut Schami zutiefst. Und so kommt es zum Schlussstatement, das keinen der Dieburger Zuhörer überrascht: „Die Liebe ist meine Religion.“

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