Hier türmen sich Akten

Rechtsanwalt hat Trafohäuschen am Amtsgericht saniert

Dieburg - Rechtsanwalt, Nächtwächter und jetzt auch noch Türmer: Christian O. Eidenschink ist ein vielseitiger Mensch – und nach eigenen Angaben auch ein „bisschen spinnert“. Von Lisa Hager 

Das muss man wohl sein, wenn man ein baufälliges Trafohäuschen hinterm Amtsgericht kauft, saniert und als Aktenarchiv nutzt. Von entkernten Stromumladestation zum gut gesicherten Aktenarchiv. Der Weg wird kein leichter sein – das war Eidenschinck schon klar, als er das Projekt näher ins Auge zu fassen begann. Dass der Weg aber doch mit so vielen Hürden gespickt sein würde, hätte sich der inzwischen stolze Türmer doch nicht träumen lassen. Nach dem Umzug seiner Kanzlei in die frei gewordenen Geschäftsräume seines eigenen Hauses in der Steinstraße 22 – das Gebäude ist über 250 Jahre alt – hatte er geeignete Räume für sein Aktenarchiv gesucht. Und da stolperte er sozusagen über das alte, nicht mehr genutzte Trafohäuschen in der Mühlgasse (gegenüber DA).

Der Ankauf des städtischen, 14 Meter hohen Türmchens ging problemlos über die Bühne – die Überraschungen kamen erst später. „Ich hatte ein Stromhäuschen ohne Strom“, sagt Eidenschink, der heute mit ironischer Distanz auf seine Turm-Erfahrungen blicken kann. Also mussten Leitungen verlegt werden. Und da es sich bei dem künftigen Archiv rechtlich um eine „Arbeitsstätte“ handelt, musste auch eine Toilette – samt Wasserleitung versteht sich – eingebaut werden. In den Turm, der auf 14 Quadratmetern Grundfläche steht, ließ Eidenschink zwei Decken einziehen, die drei entstandenen Etagen sind über eine neue Stahlleiter verbunden. Vorher stand in dem entkernten Turm nur eine Leiter.

„Watt wa(h)r es“: Über diesen Spruch auf Eidenschinks Turm können jetzt Zeugen und Angeklagte nachdenken, wenn sie aus dem Sitzungssaal des Amtsgerichts schauen. Stolzer Türmer: Christian Eidenschink hat aus dem alten Trafohäuschen in der Mühlgasse ein 14 Meter hohes Schmuckstück gemacht.

Und dann kam der Denkmalschutz: Eidenschink sagt dazu nicht viel – er ist schließlich eloquenter Jurist und demzufolge mit Vorsicht und manchem Wässerchen gewaschen – aber sein Blick spricht Bände. „Da habe ich erfahren, dass der Turm unter Ensembleschutz steht“, sagt er nur. Eine bereits aus Schieferplatten angebrachte Verblendung am Dach musste er wieder entfernen und durch Holz ersetzen. „Aber hier im Ensemble ist doch überall Schiefer!“, meint er seufzend und deutet auf das Haus des DA und das Amtsgericht, dem er direkt in den Sitzungssaal schauen kann. Mit dem Putz ging es weiter: Es musste ein historischer sein. „Der ist zwar atmungsaktiv und deshalb gut für die Akten, aber sehr schwer zu verarbeiten“, sagt er. Und noch schwerer zu bemalen: Denn es war klar, dass

Eidenschink nicht einfach einen Turm hinstellen würde, ohne damit auch etwas mitteilen zu wollen. „Da ich aus dem Ruhrgebiet stamme, sollte es ein Wortspiel werden, das dem Betrachter zu denken gibt“, erläutert er schelmisch seine Hintergedanken. Bei der Ausarbeitung der Idee, deren Realisierung Helmut Schelter übernahm, hatte der Denkmalschutz auch wieder ein gewichtiges Wörtchen mitzureden. Und so wurde es am Schluss eine dezente Bemalung: Während Justitia blind Richtung Amtsgericht schaut, fällt aus ihrer Waage ein „h“ auf den Spruch: „Watt war es“ und macht ihn sozusagen „wahr“. Logischerweise spielt „Watt“ auf die ehemalige Funktion des Trafohäuschens an – insgesamt entstammt der Spruch aber Eidenschinks Heimat.

„Bei uns sagt man zu jemandem, der ständig lügt, irgendwann mal genervt, „sach doch mal, watt war es’“, erklärt er. Und da man den Spruch auch vom Amtsgericht aus lesen kann, erhofft er sich, eine positive Wirkung auf Zeugen und Angeklagte. Eine kleine Aufmunterung, die Wahrheit zu sagen, kann ja nicht schaden. Eidenschink ist trotz aller Hindernisse glücklich mit seinem Turm. „Ich möchte aber gerne noch weiter türmen“, holt er zum nächsten Kalauer aus. Immerhin hat das Häuschen die Aufschrift „Turm 1“ – demnach folgt zumindest noch ein zweiter? „Ja, ich habe da noch etwas vor“, sagt er lediglich geheimnisvoll. Näheres will er noch nicht verraten. Ein Objekt habe er schon im Auge. Nun, Justitia wird’s wohlwollend beobachten.

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