Ketteler-Schule bietet individuelle Förderung

Ein Schutzraum für besondere Schüler

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„Hogwarts“ nennen die Schüler die Bischof-Ketteler-Schule liebevoll: Hier wird auf die individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten der Jugendlichen eingegangen. - Fotos (2): Friedrich

Klein-zimmern/Dieburg - „Hogwarts“ nennen die Jugendlichen ihre Schule im Geiste von Harry Potter liebevoll. Eine gewisse Ähnlichkeit lässt sich nicht absprechen. Doch leben hinter des trutzigen Mauern des ehemaligen bischöflichen Konvikts keine Zauberer. Von Ursula Friedrich 

Und der idyllische Park rund um das Kettelerhaus beherbergt weder Zentauren noch Riesenspinnen. Was Lehrer, pädagogische Fachkräfte und Jugendliche miteinander leisten und modellieren, grenzt allerdings nicht selten an Hexerei. Im Kettelerhaus leben und lernen seit eineinhalb Jahren junge Leute mit seelisch-emotionalem Förderbedarf. Jugendliche, die schwer traumatisiert sind, seelisch erkrankt, autistisch, depressiv, mitunter  hochbegabt. Mit Sicherheit verhaltensauffällig.

In der Bischof-Ketteler-Schule in Dieburg startet man im fünften Schuljahr – es ist ein weiterführendes Angebot der Grundschule des St. Josephshauses im benachbarten Klein-Zimmern. „Ein Schwerpunkt unserer Schule ist die Förderung von Inselbegabung“, erklärt Schulleiterin Susanne Scheuch-Ahrens. Und meint damit Schüler, die überdurchschnittliche intellektuelle Fähigkeiten auf einem „Spezialgebiet“ besitzen – im sozialen Miteinander jedoch bisher scheiterten. Etwa die Hälfte ihrer Schützlinge sind insel- oder hochbegabt.

Wer nach Dieburg kommt um hier in einer Wohngruppe zu leben und in der angegliederten Schule zu lernen, hat meist einen Haufen gescheiterte Beziehungen im sozialen Umfeld im Gepäck. Familiäre Probleme, Mobbing in der Schule, soziale Ängste, nennt Holger Linden, Koordinator des Kettelerhauses nur einige Facetten. Die Jugendlichen werden in Wohn- und Tagesgruppen aufgefangen, in intensiver Zusammenarbeit mit den Eltern. Die Kirche habe hier in beispielloser Form Verantwortung ergriffen, so die Schulleitung. Träger der Schul- und Jugendhilfeeinrichtung ist das St. Josephshaus und das Theresien Kinder- und Jugendhilfezentrum mit Sitz in Offenbach.

Wie Oberzauberer Dumbledore es im magischen Internat Hogwarts tat, wurde ein „Schutzraum“ für besondere Menschen geschaffen, die aus dem ganzen Bundesgebiet nach Dieburg strömen.

Erst Realschulabschluss, dann Abitur

Etwa für Mara (Name von der Redaktion geändert), schwer depressiv und derart mit sozialen Ängsten behaftet, dass sie keinen Raum betritt, in dem sich andere Menschen aufhalten. In nur einem Jahr individueller Beschulung in Dieburg hat die Jugendliche Versäumtes aufgeholt. „Hier kann sie ihre Pferdestärken abrufen“, lächelt Susanne Scheuch-Ahrens stolz – Mara schreibt ihre Abschlussarbeit.

Die Anforderungen zum Erringen des Haupt- oder Realschulabschlusses sind identisch mit jenen in staatlichen Schulen. Manuel (Name geändert), derzeit im Prüfungsstress für seinen Hauptschulabschluss, Mathematik-Ass und begnadeter Klavierspieler, weiß genau, wohin die Karriere gehen soll. „Als nächstes möchte ich meinen Realschulabschluss machen, dann Abitur“, erklärt der 16-Jährige, anschließend würde er am liebsten Medizin studieren.

70 Kinder und Jugendliche werden in der Grundschule der Bischof-Ketteler-Schule in Klein-Zimmern und der weiterführenden Sekundarstufe in Dieburg beschult. Der Ansturm ist so groß, dass die Bildungseinrichtung zum kommenden Schuljahr mit 90 Schülern voll sein wird. „Unsere Schüler werden in Einzelunterricht oder in altersübergreifenden Kleingruppen mit bis zu fünf Schülern unterrichtet“, erläutert die Schulleiterin. Inzwischen ist sie für beide Schulstandorte verantwortlich. „Ein Wanderer zwischen den Welten“, schmunzelt sie, nachdem sie an diesem Tag zum x-ten Mal von A nach B gependelt ist – ein Hexenbesen würde alles beschleunigen.

Arbeit ineinander verzahnt

Die Schule ist kein isolierter Lernort. Vielmehr ist die Arbeit der Gymnasial- oder Förderschullehrer, Sozialpädagogen und übrigen Mitarbeiter in den Wohngruppen eng miteinander verzahnt. In der Freizeit werden individuelle Talente gefördert, ambulante Jugendhilfemaßnahmen durchgeführt, sportliche und kreative Angebote gemacht. Bei vollem Betrieb leben und arbeiten rund 100 Menschen im Haus, die gemeinsam eine Lern- und Lebensgemeinschaft bilden und sich miteinander auf den Weg gemacht haben, eine neue Chance für das weitere Leben – beruflich wie privat – zu erhalten.

Florian (Name ebenfalls geändert) hat diese Chance ergriffen. Nach einer Odyssee durch mehrere Jugendhilfeeinrichtungen ist der blitzgescheite 14-Jährige in Dieburg angekommen. Am 1. September war er einer der ersten drei Bewohner des Internats. „Ich war schon in diversen Einrichtungen“, erzählt der PC-Spezialist, der seinen maroden Rechner zerlegte und zu einem funktionsfähigen Ganzen neu zusammengebaut hat. Und natürlich studieren möchte – Berufswunsch: Systemadministrator. „Hier bin ich zuhause!“ erklärt Florian.

Völlig antriebslose Neuankömmlinge zu begleiten, die dann neuen Lebensmut fassen und Zukunftsvisionen haben, berührt Susanne Scheuch-Ahrens. „Es macht mich auch stolz, denn das Päckchen, das die Kinder tragen ist eine echte Hürde.“

Ein extrem engagiertes Team von 40 Fachkräften, das mit Engelsgeduld und Herzblut seine Mission betreibt, steht hinter den Erfolgen. Kein Hexenwerk? Vermutlich doch.

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