Tauschring Dieburg

Pausenbrot gegen Sammelbild

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Bunte Ostereier gegen Geburtstagskarte? Karsten Heinrich und Cornelia Krebs vom Dieburger Tauschring, demonstrieren das Prinzip des Vereins.

Groß-Zimmern/Dieburg - Pausenbrot gegen Sammelbildchen – kleine Tauschgeschäfte kennen schon ABC-Schützen vom Schulhof. Der Tauschring Dieburg hat die jahrtausendealte Praxis des Tauschens zu einer modernen Dienstleistung gekürt. Von Ursula Friedrich 

Im Sinne von Nachbarschaftshilfe tauscht man Arbeitskraft, Sachleistungen, Fähigkeiten, ja sogar künstlerisches Engagement. Alles auf privater Ebene. 70 Familien und Einzelpersonen gehören dem Tauschring an, der sich im weiten Radius um Groß-Zimmern und Dieburg bis Schaafheim, Reinheim, Münster sowie Groß-Umstadt erstreckt. „Jeder Mensch hat doch besondere Fähigkeiten“, so Vorstandsmitglied Karsten Heinrich aus Zimmern. Die einzubringen, dafür andere anzunehmen, ist Philosophie des 1997 gegründeten Tauschrings. Die Währung Geld bleibt völlig außen vor - stattdessen wird in Punkten abgerechnet.

Ein profanes Beispiel: „Wir hatten eine ältere Dame, die keine Glühbirne austauschen konnte und auch beim Fensterputzen Schwierigkeiten hatte“, erzählt Heinrich. Bescheiden fielen ihr keine Gegenleistungen ein die sie erbringen könnte. „Dann fanden wir heraus: sie kann hervorragend backen!“ Im Angebotskatalog der Mitglieder werden die unterschiedlichsten Dinge angepriesen. Babysitterservice, Stricken und Häkeln, Gartenmitarbeit, Umzugs- oder Einkaufshilfe werden von einer Fülle sehr individueller Leistungen ergänzt: Feng Shui, Tango tanzen, artgerechte Heimtierernährung, Ayuverakochkurs, Kräuterspirale anlegen, Heißmangeln, Yogakissen herstellen und mehr. „Ich biete Oberton-Singen an“, ezählt Heinrich schmunzelnd – leider wurde dieses Angebot noch nie gebucht.

Die Schaafheimerin Cornelia Krebs, seit März Vorsitzende des Tauschrings, ist da schon erfolgreicher: „Ich stelle Marmelade und Likör her und fertige für die unterschiedlichsten Anlässe passenden Glückwunschkarten.“ Das Prinzip des Tauschgeschäfts wird über ein Punktekonto geregelt. Für eine Viertelstunde Zeitaufwand gibt es einen Punkt. „Egal, ob sie eine Software programmieren oder Marmelade einkochen“, so Krebs. „Alle Fähigkeiten werden gleich honoriert.“ Der Gedanke, der dem Tauschring zu Grunde liegt ist offensichtlich: einander zu helfen. Das Selbstverständnis unter Nachbarn, sich bei Bedarf zu unterstützen, ist in der modernen Gesellschaft verkümmert, erlebt in diesem Modell jedoch eine Renaissance.

Auch die weitgehend ausgestorbene Erbringung von Leistung ohne Geldverkehr gehört zur Gründungsidee. Ein Nebeneffekt sind zwischenmenschliche Beziehungen die so entstehen. Außerdem gibt es jenseits allen Helfens ein gesellschaftliches Vereinsleben. Bei den Monatstreffen werden häufig Fachvorträge angeboten. Auch hier hat ein Mitglied Chancen, mit seinem Referat Punkte zu sammeln. In der regelmäßig erscheinenden Marktzeitung steht in der Rubrik „punktefreies Miteinander“ die Geselligkeit im Vordergrund. Hier kann man sich verabreden, um nicht allein zu joggen, ins Theater oder Kino zu marschieren. „Es entstehen auch richtige Freundschaften“, beschreibt Krebs das Miteinander. Soziales und gesellschaftliches Engagement sind mit dem Prinzip des Tauschrings wunderbar zu vereinen. So wird die Zusammenarbeit mit der Lebenshilfe Dieburg derzeit intensiviert.

Das Angebot an Arbeitslose, sich konstruktiv einzubringen, hat hingegen weniger Früchte getragen. Hilfsbereitschaft und Aufgeschlossenheit gegenüber Mitmenschen sind Eigenschaften, die zum Erfolg im Tauschring führen. „Man muss sich einfach von der Idee unserer Gesellschaft lösen, dass nur bezahlte Arbeit etwas wert ist“, so Heinrich. Es herrscht ein ausgewogenes Geben und Nehmen. Man schenkt Zeit und erhält Zeit zurück. Wenn ein Helfer beim Tapezieren oder Garten umbuddeln mit anpackt, geht die Arbeit gleich vergnüglicher von der Hand. Hilfe bei handwerklichen Dingen und Reparaturen führt die Leistungsstatistik an, die seit dem Jahr 2 000 geführt wird. Gleich dahinter liegt die Rubrik „Essen und Trinken“, gefolgt von Tauschgeschäften, die der vereinsinterne Flohmarkt ermöglicht.

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