Sonderausstellung: Juristische Holocaust-Aufarbeitung

Verdrängen, vergessen, erinnern

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Kurator Johann Zilien führte durch die beeindruckende Ausstellung mit 53 Stelltafeln, Hör- und Sehstationen im Museum Schloss Fechenbach. Sie ist noch bis Ende September zu sehen.

Dieburg - Die neue Sonderausstellung im Schloss Fechenbach erinnert an Generalstaatsanwalt Fritz Bauer und die juristische Aufarbeitung des Holocaust.

Das Thema hat Facetten, die – obwohl inzwischen bekannt – schwer zu ertragen sind. Auf einem Bildschirm sind die weggeworfenen Überreste der Opfer zu sehen – immer wieder, bis eine Besucherin vorzeitig die Führung durch die neue Ausstellung im Dieburger Schloss Fechenbach verlässt. Die Wahrheit des bürokratisch organisierten Holocaust-Grauens in den Raum des öffentlichen Erinnerns zu rücken, war ein zentrales Anliegen des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer. Ihm und der juristischen Aufarbeitung dieses Grauens ist diese Wanderausstellung des Hessischen Hauptstaatsarchivs gewidmet, die jetzt in Dieburg zu sehen ist. Anfänge einer solchen Aufarbeitung, verbunden mit der Feststellung, dass scheinbares staatliches Recht zutiefst Unrecht war, gab es schon bald nach der Befreiung vom Nationalsozialismus – durch alliierte, auch durch deutsche Gerichte. Doch diese Aufarbeitung stockte, als die „Eindämmung des Kommunismus“ Leitmotiv in der Politik der Westmächte wurde und damit der „Wiederaufbau“ eines westlich orientierten Deutschland. Dazu wurden Eliten gebraucht, über deren braune Flecken auf der scheinbar weißen Weste gerne hinweggesehen wurde.

„Schlussstrich-Mentalität“ nennt nicht nur der Ausstellungs-Kurator Johann Zilien diese Sichtweise der restaurativen Fünfziger Jahre. Der Paradigmenwechsel, sich der schmerzhaften Erinnerung zu stellen und Recht über das Grauen zu sprechen – eine im Grunde unlösbare Aufgabe – zeichnet sich in Hessen allerdings schon in der zweiten Hälfte dieser 50er Jahre ab. Zum Beispiel mit der Ernennung Fritz Bauers zum hessischen Generalstaatsanwalt durch den Ministerpräsidenten (Juristen und Justizminister) Georg August Zinn. Das war auch ein politisches Signal, das 1963 in den ersten Auschwitz-Prozess vor dem Landgericht Darmstadt mündete. „Erinnerungskultur ist nicht immer angenehm“, stellte Bürgermeister Dr. Werner Thomas fest. Es bedürfe aber solchen Erinnerns, um Maßstäbe für Recht und Unrecht zu setzen. Museumsleiterin Maria Porzenheim setzte bei der Eröffnung der Ausstellung erste Akzente zur deutschen Justizgeschichte. Die Ausstellung ist zudem eine schlüssige Fortsetzung der vorangegangenen zur Befreiung vom Nationalsozialismus in Dieburg. Auch diesmal gibt es wieder Lokalbezug: „Bauer hat regelmäßig die Dieburger Justizvollzugsanstalt besucht, dabei die Häftlinge stets als „meine Freunde“ bezeichnet“, sagte Porzenheim.

"Staatsarchive sind das gesammelte Gedächtnis eines Staates"

Die Neuorientierung der deutschen Justiz mündete unter anderem in die Aufhebung jeglicher Verjährungsfrist für NS-Verbrechen, wie Manuela Lüders von der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen anmerkte. Diese Einrichtung des kommunalen Bankenwesens hat einen umfangreichen Katalog zur Ausstellung finanziert, eigentlich schon ein Buch mit über 200 Seiten, das kostenlos erhältlich ist. Kurator Ziliens Einführung in die Ausstellung mit 53 Stelltafeln, Hör- und Sehstationen, an denen einem manchmal sprichwörtlich Hören und Sehen vergehen kann, war ziemlich detailliert – wie auch seine spätere Führung durch die Ausstellung. Ein wichtiger Satz: „Das deutsche Strafrecht war kein adäquates Mittel zur Ahndung eines Verbrechens dieser Dimension.“ Ein weiterer: „Staatsarchive sind das gesammelte Gedächtnis eines Staates, ein Ort der Erinnerung, verbunden mit der Aufgabe, diese Erinnerung nach außen zu tragen.“

Fritz Bauer war von den Resultaten der Prozesse enttäuscht. Die Strafen fielen wegen der Schwierigkeiten, individuell Tötungshandlungen nachzuweisen, ziemlich milde aus. Was den Generalstaatsanwalt aber noch mehr empört hat, war die Tatsache, dass kaum einer der 22 Angeklagten im ersten Verfahren eine Spur von Reue zeigte. Dazu kamen heftige Anfeindungen gegen den „Nestbeschmutzer“. Es gibt diese Bauer-Zitate: „In der Justiz lebe ich wie im Exil.“ Und: „Wenn ich mein Büro verlasse, bewege ich mich in Feindesland.“ Bürgermeister Thomas kündigte an, dass der „Gedankenstein“ des Künstlers Martin Konietschke als Monument des Erinnerns bald vor dem runderneuerten Landratsamt in Dieburg aufgestellt werde. Die Ausstellung ist bis zum 30. September im Museum Schloss Fechenbach zu sehen.

Gedenken an die Opfer des Holocaust

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