Wanderung mit besonderen Erlebnissen

Szenen eines Jagdhauses im Regen

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Ortstermin am inzwischen denkmalgeschützten Jagdhaus in der Forstgartenschneise: Hier empfingen Hausherrin Brigitte van Hüls und Architekt Udo Raabe die wetterfesten Erlebniswanderer.

Dieburg - Auf Regen folgt Sonnenschein – die Wahrheit dieses alten Spruchs erlebten die rund 20 wetterfesten Teilnehmer der Erlebniswanderung Von Heimatverein, OWK und DA sozusagen am eigenen Leib.  Von Lisa Hager 

War die Gruppe am Rathaus von Bürgermeister Dr. Werner Thomas unter düsteren Wolken empfangen worden, spazierte man bei schönstem Sonnenschein nach dem Einkehrschwung beim gastgebenden Reit-Club nach Hause. Nach dem Gesetz der Serie wird die Erlebniswanderung im nächsten Jahr wieder bei strahlendem Sonnenschein stattfinden – schließlich ging es 2015 bei bestem Wetter zum Steinbruch auf die Moret. Dass es aber kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung gibt, daran erinnerte Bürgermeister Dr. Werner Thomas bei der Begrüßung am Rathaus. Und beim Blick in die Runde der „wackeren 20“ konnte man feststellen, dass es sich bei den Erlebniswanderer um erfahrene Outdoor-Kämpfer handelte: Sie kamen in Regenkleidung, zünftigen Wanderstiefeln und mit Schirm zum Abmarschtermin. Dort wurden sie von Heimatvereinsvorsitzender Maria Bauer, OWK-Vorsitzenden Franz Zoth und DA-Redaktionsleiterin Lisa Hager empfangen und für ihre Wetterfestigkeit gelobt. Bei der ersten Station am Kopelseechen gab Hans-Werner Franz vom Nabu den Wanderern interessante Informationen über die Entwicklung des früheren Viehtränke-Tümpels, von denen es mehrere im Stadtgebiet gab, bis zum heutigen Biotop. Am vorbeiführenden Herrnweg weisen Infotafeln auf die vielen hier heimischen Pflanzen- und Tierarten hin, besonders auf Wildbienen und Käfer, für die auch ein „Insektenhotel“ aufgestellt ist. Mitwanderer Philipp Hiemenz erinnert sich an Szenen aus seiner Jugendzeit,als die mit Ochsen- und Pferdefuhrwerken auf den Feldern arbeitenden Bauern hier ihr Vieh tränkten.

Heimatvereinsvorsitzende Maria Bauer erzählte die Geschichte des „Steinernen Kreuzes“ in der Nähe der Nebenstrecke.

Die nächste Station am „Steinernen Kreuz“ übernahm Heimatvereinsvorsitzende Maria Bauer: Das fast 300 Jahre alte Feldkreuz an der Darmstädter Straße – das einzige von insgesamt vier erhaltenen Kreuzigungsgruppen mit Christuskörper außerhalb des Stadtgebiets – hat der Dieburger Bürger und Senator Marin Endres gestiftet. Er hat es 1720 „zu Ehren des bitteren Leidens und Sterbens Jesu Christi und allen Reisenden und allen vorbeigehenden christlichen Seelen zum Trost aufrichten lassen“ – so besagt die Inschrift, wie Bauer erläuterte. Monsignore Manfred Gärtner war es schon 1991 ein Anliegen, das Steinere Kreuz nahe des Stadtwalds in Ordnung zu halten. „Und so hat die Männerwandergruppe St. Wolfang diese Aufgabe übernommen“, erzählte die Heimatvereinsvorsitzende. Dass der Stiftter ein Bäckermeister war, lässt sich übrigens ganz klar am Sockel ablesen: Dort ist eindeutig ein Bäckerwappen, eine Brezel, zu sehen.

Dann kam man aufwärts schreitend Richtung Messel und nach einem Rechtsschwung über die Nebenstrecke in die Forstgartenschneise an einer weiteren wichtigen Station an: Brigitte van Hüls, die Besitzerin des dortigen alten Jagdhauses, erwartete die Wanderer schon. Sie hatte sich bereit erklärt, den Interessierten einen Einblick in die bewegte Geschichte und ins Innere des mit Schindeln verkleideten Holzhauses zu gewähren. 1962 hat hier der Kellersche Männergesangverein sein erstes Waldfest gefeiert. Den Namen trug das Fest noch lange, als es schon nicht mehr im Wald stattfand.

Hans-Werner Franz vom Nabu (links) erklärte am Koppelseechen, welch reiche Flora und Fauna sich hier entwickelt hat. Die Naturschützer haben aus dem „Tümpel“ ein Biotop gemacht. Im Hintergrund die Hallwachs-Geisler-Ruh, die der OWK erneuert hat, wie Vorsitzender Franz Zoth (rechts) erläuterte.

Erbaut hat das Haus 1924 der kaiserlich persische Generalkonsul Mayer für seinen Jagdhüter – auf städtischem Gelände wie es im Jagdpachtvertrag stand. Mayer war Jude und wanderte 1933 nach Argentinien aus. Das Häuschen ging in den Besitz der Stadt über, wurde von der NS-Organisation „Kraft durch Freude“ genutzt und 1940 an Privatleute verkauft. Schon 1932 war den damaligen Besitzern eine Ausschank-Konzession erteilt worden. 1950 wurde sie erneuert, die „Wald-Ev“ führte die Gaststätte bis 1960. Das Haus im Wald wurde zum sonntäglichen Ausflugs- ziel. „Die Kinder waren glücklich, weil es hier die geliebte Limo gab“, schreibt Architekt Udo Raabe (Planungsgruppe Darmstadt) in seinem Beitrag im aktuellen Jahrbuch des Heimatvereins zum Jagdhaus. Der Experte für historische Häuser, der sich sehr für den Erhalt des interessanten Gebäudes, eingesetzt hat, kam am Samstag persönlich vorbei, um den Wanderern Informationen aus erster Hand zu liefern.

Hausherrin van Hüls lud dann alle ein, sich auch im Inneren des Gebäudes, das seit 1973 im Besitz ihrer Familie ist, umzuschauen. Sie hat erbitterte Auseinandersetzungen mit den Bauaufsichtsbehörden geführt, die ihr das Bewohnen des Hauses untersagten – und alle verloren. Eine angeordnete Abbrissverfügung konnte die Familie aber verhindern.

Nur leicht neidisch blickten die schon müden Wanderer auf dem Heimweg auf diese Kutsche: Der Reit-Club bot zum Tag der offenen Stalltür auch Ausfahrten an.

Durch die Präsentation des historischen Prototyps eines Holzfertigbaus beim Tag des offenen Denkmals, wurden auch die Behörden auf die Besonderheit des Gebäudes aufmerksam. 2009 wurde es unter Denkmalschutz gestellt. Nach dem Abschied vom Jagdhaus rollten die ersten Wanderer ihre Regenschirme ein. Beim Erreichen der letzten Station, dem Gelände des Reit-Clubs, stahlen sich die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolken des Aprilhimmels. Vorsitzender Thilo Graf und sein Stellvertreter Martin Willert hießen die Gäste herzlich willkommen und führten sie an die gut gefüllten „Futtertröge“. Linsensuppe mit Würstchen war genau das Richtige, um das Blut in den teils doch ausgekühlten Wandererwaden wieder zirkulieren zu lassen.

Die Gastgeber des Reit-Clubs hatten bei ihrem Tag der offenen Stalltür auch unter dem regnerischen Vormittag zu leiden gehabt: Die Anlage hatte sich in ein matschiges Feld verwandelt. Umso freudiger strahlten die Gesichter, als das gute Wetter am Nachmittag immer mehr die Regentschaft übernahm. Viele nahmen deshalb das Angebot der Reiter gerne wahr, probeweise einmal auf einen Pferderücken zu steigen und dort das Glück dieser Erde zu suchen. Die Kinder waren bei den Ausflügen mit Schulpferden und Ponys eh schon wunschlos glücklich.

Die in den Kutschen sitzenden Gäste, die sich auf Einladung der Reiter kostenfrei durch die Natur fahren lassen durften, wurden von den Erlebniswanderern nahezu neidlos bewundert: Sie machten sich brav auf Schusters Rappen auf den Heimweg.

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