Revival bei der Spielgemeinschaft

Schachturnier bis um Mitternacht

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Wenn nichts mehr geht, darf’s auch mal ein Schluck Bier sein: Christopher Bach (links) von der Schachspielgemeinschaft Rödermark/Eppertshausen in einer Partie gegen einen zu diesem Zeitpunkt offenbar strauchelnden Gegner.

Eppertshausen - Der „Eppertshäuser Mitternachtsblitz“ im Schach lockte sogar einen Großmeister an. Kaffee und Schokolade galt bei vielen als gut für die Konzentration. Von Jens Dörr 

Wer noch nie Gast bei einem Schachturnier war, mag sich vorab in manchem verhaltenstechnisch nicht ganz sicher sein: Wie nah kann ich den Spielern auf die Pelle rücken? Darf ich mich mit anderen Zuschauern leise unterhalten? Was sollte ich tunlichst unterlassen, um keine bösen Blicke zu ernten oder gar des Saales verwiesen zu werden?

Antworten auf diese und noch viel mehr Fragen konnten sich alle besorgen, die den großen Saal der Eppertshäuser Bürgerhalle besuchten: Dort ließ die Schachspielgemeinschaft Rödermark/Eppertshausen, die sich aus dem SC Eppertshausen (besteht seit 1950) und dem SC Rödermark (seit 1954) zusammensetzt, einen einstigen Klassiker der regionalen Schachszene wieder aufleben: 48 Spieler maßen sich zwischen 15 bis 24 Uhr neun Stunden lang beim „Eppertshäuser Mitternachtsblitz“.

Das traditionsreiche Turnier stemmte der SC Eppertshausen einst solo von 1958 bis 2004, lockte dabei bis zu 200 Teilnehmer pro Auflage in die Gemeinde. Spitzenzeiten erlebte das Event in den 70ern und 80ern. Die Zahl von vier Dutzend Akteuren fiel beim Revival nun zwar ordentlich aus, lag nach Angaben von Pressewart Michael Bach allerdings am unteren Ende der erwarteten Spanne.

Für den Modus waren die 48 Teilnehmer derweil eine Steilvorlage: In drei Gruppen à 16 Spielern nahm das Blitzschach-Turnier in der Vorrunde Fahrt auf. 15 Partien hatte damit zunächst jeder Teilnehmer. Pro Partie hatte jeder Spieler in der Summe fünf Minuten Zeit für seine Züge. Gemessen wurde dies mit einer speziellen Stoppuhr, auf die die Spieler nach vollendetem Zug tippten, womit die Zeit für den Gegner loslief.

„Blitzschach mit fünf Minuten pro Spieler ist am weitesten verbreitet“, erläuterte Bach. Obgleich es auch „Minutenblitze“ gebe, bei dem jedem nur zwei oder gar eine Minute plus ein weiterer Zug zur Verfügung stehe, um den anderen schachmatt zu setzen beziehungsweise zumindest ein Remis zu sichern. Den Laien erstaunte am Samstag dennoch auch das Tempo bei der Fünf-Minuten-Version. Langes Grübeln? Fehlanzeige!

Im späteren Verlauf qualifizierte sich die bessere Hälfte aus den Vorrundengruppen für das mit 600 Euro dotierte A-Turnier, die anderen spielten im B-Turnier weiter. Unter die besten 24 Spieler kam in Christopher Bach auch einer der jüngsten Teilnehmer und zugleich ein Lokalmatador: Der Akteur der Schachspielgemeinschaft Rödermark/Eppertshausen ist gerade einmal 16 Jahre alt, maß sich mit jüngeren Spielerinnen genau so wie mit Herren im Rentenalter. „Die Zeiten, als im Schach nur der Apotheker gegen den Pfarrer spielte, sind lange vorbei“, meinte Pressewart und Vater Michael Bach nicht nur mit Blick auf den eigenen Junior. In den Clubs aus Eppertshausen und Rödermark spielten Juristen und Ärzte neben Schülern und Vertrieblern. Gemein sei den meisten allerdings, dass sie in der Regel spätestens im Teenager-Alter mit dem Schach begonnen hätten. Doch auch hier gebe es Ausnahmen, die später einstiegen. Unten gehe es im Grundschulalter los: „Ab sieben, acht Jahre nehmen wir alle.“

Die Nase vorn hatte in Eppertshausen nach 23 weiteren Partien der Finalrunde im A-Finale der Internationale Meister (IM) Ilja Schneider vom SF Berlin. Er verwies mit Oleg Spirin (SC Untergrombach) einen weiteren IM auf Platz zwei. Dritte wurden Markus Nothnagel (SV Griesheim) und Constantin Göbel (TSV Schott Mainz). Mit von der Partie war sogar ein Großmeister – gegenüber dem IM noch höherrangig – aus Idar-Oberstein, der allerdings nicht in die Spitze vordrang.

Weshalb, führte ebenfalls Michael Bach aus: Gerade bei Blitzturnieren und mit zunehmender Spieldauer könnten auch Außenseiter einen Großmeister schlagen. „Die Konzentrationsfähigkeit lässt auch bei den stärkeren Spielern nach.“ An Traubenzucker leckten derweil die wenigsten: „Das ist ein Märchen, Kaffee und Schokolade reichen. Und wenn gar nichts läuft, auch mal ein Bier.“

Bliebe darüber hinaus eigentlich vor allem noch zu erwähnen, dass die Schachspielgemeinschaft Rödermark/Eppertshausen derzeit fünf Teams im Ligabetrieb stellt, das beste in der Verbandsliga, der zweithöchsten hessischen Klasse und der fünfthöchsten in Deutschland. Zehn Jugendliche werden derzeit in die Mannschaften integriert. Und, um den Kreis zu schließen, noch die Antwort auf die eingangs gestellten Fragen: Wer sich leise und schweigend verhielt, durfte beim „Mitternachtsblitz“ den Spielern stehend problemlos über die Schultern schauen und fotografieren.

Quelle: op-online.de

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